Letztes Update am Do, 08.11.2018 09:11

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Wien Modern - Gespenstisch gut: „Stadt ohne Juden“ mit Neuwirth-Sound



Wien (APA) - Es passt geradezu gespenstisch gut zusammen. Die verschollen geglaubte Verfilmung des 1922 erschienenen prophetischen Romans „Die Stadt ohne Juden“ von Hugo Bettauer konnte dank eines Pariser Zufallsfundes und einer Crowdfunding-Kampagne rekonstruiert werden. Olga Neuwirth schrieb dazu eine Musik, die alles transparent macht: die Traditionen und die Folgen. Die gestrige Uraufführung beeindruckte.

Bei Wien Modern ist die Komponistin, die am 4. August ihren 50er gefeiert hat, heuer mit zwei großen Projekten vertreten. Ehe am 14. November eine monumentale, revidierte Neuproduktion von „The Outcast“, einer als „Video-Konzert-Installations-Theater“ angekündigten Hommage an den Schriftsteller Herman Melville, aufgeführt wird, verwandelte sich am Mittwochabend der Große Konzerthaussaal in einen Kinopalast. Schon die 1924 von Hans Karl Breslauer erfolgte Verfilmung des Bettauer-Romans, in dem die Vertreibung der zum Sündenbock für den wirtschaftlichen Niedergang der Stadt Utopia gemachten jüdischen Bevölkerung und ihre drastischen Folgen beschrieben wird, ist ein Ereignis für sich.

Unfassbar, wie deutlich hier sowohl die politischen Mechanismen als auch die praktische Ausführung der Judenverfolgung, die wenige Jahre später in apokalyptischer Weise jede menschliche Vorstellung zu übersteigen schien, in satirischer Weise gezeigt wurden. Neuwirth stellt in ihrer Tonspur zu dem Stummfilm auf raffinierte, jedoch nie vordergründige Weise vielfältige politische und kulturelle Bezüge her. Sie schafft eine Balance zwischen dem Wissen um die spätere reale Tragödie, die in ihrem Sound stets den bedrohlichen Grundton angibt, der bitteren Ironie, mit der die Handlung vorangetrieben wird, der unfreiwilligen Komik, die dem Pathos der Stummfilmästhetik für heutige Betrachter stets innewohnt, und dem Bewusstsein dafür, dass die Gespenster der Vergangenheit derzeit so lebendig sind wie schon lange nicht.

Die Brüchigkeit familiärer bürgerlicher Idylle und die latente Aggression einer betonten Volkstümlichkeit, die jederzeit in Gewalt umschlagen kann, sind unüberhörbar in die Komposition eingearbeitet und wurden vom Ensemble PHACE unter dem Dirigenten Nacho de Paz subtil umgesetzt. Ergänzt wird das Live-Tonmaterial durch Zuspielungen, die an jene von den Nazis fast ausgerottete jüdische Kultur erinnern, die der Film etwa in Synagogen-Szenen zeigt, oder Hans Moser förmlich wieder auferstehen lassen. Der spätere Filmstar verkörperte hier in seiner zweiten Filmrolle einen antisemitischen Nationalrat, der mittels eines Cocktails aus Wein und Schlafmitteln davon abgehalten wird, an der entscheidenden Abstimmung teilzunehmen und damit die Rücknahme des fatalen Judenvertreibungsgesetzes zu verhindern. Neuwirth hat in ihren Sampler Fragmente von Jodlern und Heurigenliedern eingearbeitet, die als leise, doch unüberhörbare Warnrufe dienen.

Am Ende gab es langen, großen Applaus für alle Beteiligten. Olga Neuwirth verbeugte sich mit einem großen Konterfei von Hugo Bettauer in der Hand. Der Journalist und Autor wurde 1925 nur wenige Monate nach der Filmpremiere von einem jungen Nationalsozialisten ermordet.

(S E R V I C E - www.wienmodern.at)




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