Letztes Update am Do, 08.11.2018 13:35

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Formel 1: Fittipaldi, Piquet, Senna: Brasiliens schweres Erbe



Sao Paulo (APA/dpa) - Völlig entkräftet und von Krämpfen geplagt stieg Ayrton Senna auf das Podium von Interlagos und entrollte mit größter Mühe die brasilianische Flagge. Von einem Getriebeschaden heimgesucht hatte sich die Formel-1-Ikone im März 1991 im sechsten Gang zu seinem erlösenden ersten Heimsieg gezittert.

„Es war nicht der größte Sieg meines Lebens, aber einer, für den ich einfach alles geben musste. Ich werde ihn auf ewig in meinem Gedächtnis behalten“, meinte Senna später. Für die Ewigkeit sind die Bilder des 1994 ums Leben gekommenen Senna, wie er mit geschlossenen Augen den Moment des Triumphs auszukosten versucht oder wie er von tausenden Landsleuten frenetisch gefeiert wird. Sie lösen immer noch Gänsehaut aus. Und diese Bilder des dreifachen Weltmeisters sind Zeitdokumente für die Formel-1-Begeisterung in Brasilien.

Das war eine glanzvolle Epoche. Die Gegenwart sieht anders aus. Erstmals seit 1969 hat Brasilien, dieses Riesenland mit riesiger Motorsporthistorie, heuer keinen Stammfahrer in der Formel 1. Vor dem Grand Prix am Sonntag in Interlagos mussten sich die Fans mit dem zurückgetretenen Felipe Massa begnügen. Im Stadtteil Botafogo von Rio de Janeiro steuerte der Ende 2017 zurückgetretene Pilot als Vorgeschmack einen Vorführwagen von Williams.

„Es ist schade, dass derzeit kein Brasilianer fährt“, sagte Massa dem TV-Sender Globo. „Die ganze Welt will einen Brasilianer sehen und ihm auch zujubeln.“

Nicht die ganze Welt, aber sicher ein beträchtlicher Teil der brasilianischen Formel-1-Welt litt 2008 mit Massa. Am 2. November 2008 gewann der damalige Ferrari-Pilot den Großen Preis von Brasilien und durfte sich sogar als Weltmeister fühlen - aber nur für einige Sekunden. Ein Überholmanöver von Lewis Hamilton gegen Timo Glock zerstörte wenige hundert Meter vor der Ziellinie die Erfüllung des sportlichen Lebenstraums von Massa.

Dann flossen viele Tränen. Massa hätte sich fast zum ersten brasilianischen Weltmeister seit Senna 1991 gekürt und in seiner Heimat Legendenstatus erhalten. Wie auch Emerson Fittipaldi (1972, 1974). Wie auch Nelson Piquet (1981, 1983, 1987). Und eben wie auch Senna (1988, 1990, 1991).

McLaren spielt bei dieser WM-Sammlung eine nicht unerhebliche Rolle. Alleine Senna holte seine drei Titel in einem Wagen des englischen Traditionsteams. Da verwundert es auch nicht, dass Petrobras mit diesem Erbe in Verbindung gebracht werden will. Anfang dieses Jahres schloss Brasiliens staatliches Mineralölunternehmen mit McLaren einen Vertrag über eine Technologiepartnerschaft.

Und es verwundert weiter nicht, dass diese Verbindung auch eine Fahrerentscheidung begünstigt hat. Hinter den 2019er Stammpiloten Carlos Sainz jr. aus Spanien und dem Briten Lando Norris wird Sergio Sette Camara als Ersatzfahrer Erfahrung sammeln dürfen. Kurz vor diesem Rennwochenende verkündete McLaren zur Freude der brasilianischen Fans die Beförderung des 20 Jahre alten Formel-2-Piloten.

„Alle brasilianischen Piloten haben mich inspiriert“, sagte der aus Belo Horizonte stammende Camara. „Wir werden als ein Land anerkannt, das Piloten hervorbringt, auch wenn Brasiliens Wirtschaft nicht so stark ist wie die europäische.“ Zumindest haben die Südamerikaner wieder einen Fahrer, auf den sie ihre Hoffnungen projizieren können.




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