Letztes Update am Fr, 09.11.2018 07:04

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Chomsky: Zentralamerikaner fliehen wegen imperialistischer US-Politik



Wien (APA) - Zerstörung, Brutalität und Armut in Zentralamerika sind für den Intellektuellen Noam Chomsky direkte Folgen der US-Außenpolitik in dieser Region. Für die Fluchtbewegungen von dort trifft die USA deshalb eine besondere moralische Verantwortung, argumentiert der 89-Jährige in seinem neuen, deutschsprachigen Buch „Kampf oder Untergang!“. Seinem Heimatland wirft Chomsky staatlichen Terrorismus vor.

„Menschen, die aus Zentralamerika kommen, flüchten meistens vor Gewalt und Zerstörung, die von den Vereinigten Staaten geschaffen worden sind“, betont der emeritierte Sprachwissenschafter in seiner Generalabrechnung mit dem Westen, der noch immer von den USA angeführt werde. Von dem Land spricht er als dem „größten Imperium der Geschichte“. Das Buch ist eigentlich ein Dialog, Chomskys Stichwortgeber der österreichische Journalist und Blogger Emran Feroz. Untertitel: „Warum wir gegen die Herren der Menschheit aufstehen müssen“.

Die Herren der Menschheit sind für Chomsky eine mehr oder weniger anonyme Macht, hinter der „multinationale Konzerne“ stehen. Dieses System habe alle anderen Gesellschaftsbereiche unterwandert und könne Staaten quasi nach Belieben vor sich hertreiben. Das Resultat seien entfesselte Finanzmärkte, soziale Ungerechtigkeiten, verfehlte Bildungspolitik, unkritische Medien, Klima- und Umweltzerstörung, nukleare Gefahren und Staatsterrorismus. Wenn Chomsky sich an den Übeln der Zeit abarbeitet, spricht er freilich meistens über die USA.

Als das Buch entstand, war die jetzt medial dauerpräsente Karawane von Migranten durch Mexiko noch nicht in Bewegung. Wenn Chomsky Feroz erklärt, dass die meisten Geflüchteten aus Guatemala, Honduras und El Salvador stammten, „aus jenen drei Staaten, die von der Reagan-Administration zerstört wurden“, verweist das also auf ein Problem, das schon lange andauert. In Guatemala habe in den frühen 1980er-Jahren unter Präsident Ronald Reagan „ein Genozid“ stattgefunden.

Laut Chomsky haben die USA, stets unter dem Deckmantel des Schutzes vor Bedrohungen, seit jeher daran gearbeitet, ihre Einflusssphäre nach Westen und Südwesten auszudehnen. Das erste Opfer seien die indigenen Völker gewesen, danach auch Nachfahren spanischsprachiger Europäer. „Es ist ein Fakt, dass wir uns im indigenen Amerika befinden, aus dem Mexiko wurde“, sagt Chomsky, der seit August 2017 als Ehrenprofessor an der Universität Arizona in Tucson tätig ist. Der Krieg der USA gegen Mexiko Mitte des 19. Jahrhunderts sei „womöglich der niederträchtigste Krieg“ in der US-Geschichte gewesen. Beim Blick auf weite Teile des heutigen Südwestens der USA sei es daher „legitim, vom ‚besetzten Mexiko‘ zu sprechen“.

Es sei an der Zeit, dass die USA diese historischen Sünden wiedergutmachen, meint Chomsky, der im Dezember seinen 90. Geburtstag feiert. Geflüchtete, noch dazu aus Ländern mit großem indigenem Bevölkerungsanteil, unter humanen Bedingungen aufzunehmen, sei zumindest ein Anfang. Ähnlich sei der moralische Auftrag für die Europäer, denn: „Europa hat Afrika zerstört und ausgeplündert.“ Stattdessen würden Menschen an der Grenze aber brutal zurückgewiesen, nicht selten „bis in den Tod“ gejagt. Der aktuelle US-Präsident Donald Trump ist für Chomsky, was wenig überrascht, das größte Übel.

Wer in der Lage wäre, den „Herren der Menschheit“ Einhalt zu gebieten, daran lässt Chomsky keinen Zweifel: der parteiunabhängige US-Senator Bernie Sanders, der bei den Zwischenwahlen soeben mit großer Mehrheit für weitere sechs Jahre im Amt bestätigt wurde. Dem 77-Jährigen, für den er sich vor den Präsidentschaftswahlen 2016 stark gemacht hatte, würde er eine „menschlichere“ Politik mit einer gerechteren Verteilung des Wohlstands zutrauen. Auch dem griechischen Ex-Finanzminister Yannis Varoufakis oder Podemos in Spanien könnte dies gelingen.

Überhaupt ist Chomsky, trotz seiner teilweise sehr düsteren Beschreibung der Gegenwart, in Hinblick auf die Zukunft optimistisch. In seiner neuen Heimat Tucson, das nahe der Grenze zu Mexiko liegt, sehe er zahlreiche Helfer, die etwa Camps in der Wüste errichteten und Lobbyismus betrieben, um Geflüchteten zu helfen. Chomsky spricht in diesem Zusammenhang von „erstem, hingebungsvollem Aktivismus“, der für ihn „ein Zeichen der Hoffnung“ ist.

(SERVICE: Noam Chomsky, Emran Feroz: Kampf oder Untergang!: Warum wir gegen die Herren der Menschheit aufstehen müssen. Westend Verlag. 2018, 224 Seiten. ISBN 978-3-86489-725-2, ISBN: 978-3-86489-233-2)




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