Letztes Update am Fr, 09.11.2018 09:29

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Bittere Materialschlacht: „Schlafende Männer“ im Schauspielhaus Wien



Wien (APA) - Das Leben ist eine Bühne und die Bühne bedeutet das Leben. So könnte man das Setting in Martin Crimps „Schlafende Männer“ deuten, das gestern, Donnerstag, im Schauspielhaus Wien seine österreichische Erstaufführung feierte. Gespielt wird im zur Bühne umfunktionierten Zuschauerraum, das Publikum sitzt dort, wo sonst gespielt wird. Schauspielhausdirektor Tomas Schweigen setzt auf fließende Grenzen.

Der Übergang zwischen Kunst und Leben ist in diesem Stück, das in seiner Architektur auf Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ basiert und im Kern von dem Gemälde „Schlafende Männer“ von Maria Lassnig inspiriert ist, nicht mehr auszumachen. Der britische Autor porträtiert ein alterndes, erfolgreiches Ehepaar - sie Kunsthistorikerin, er Musikproduzent - in der Ausnahmesituation ihres lieblos gewordenen Alltags. Jeweils am äußersten Bühnenrand sitzen sich Vera von Gunten als Julia und Sebastian Schindegger als Paul gegenüber und reden via Mikrofon aneinander vorbei.

Die Dachgeschoßwohnung gleicht einem chaotischen Atelier, das Bühnenbildnerin Giovanna Bollinger mit Plastikplanen ausgelegt hat: Die Wände sind mit Texten bekritzelt, in den Ecken stehen Werke von Maria Lassnig, die einzelnen Scheiben des riesigen Glasfensters sind mit weißer Farbe beschmiert. Diese dienen zu Beginn und am Ende des rund 80-minütigen Abends als Projektionsfläche für Ausschnitte aus Mike Nichols‘ Verfilmung von „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“, die mit Videos von eigenen, an den Wiener Aktionismus angelehnten Aktionen verschnitten werden.

Doch privater Aktionismus geschieht nicht nur vor der Kamera: Als um zwei Uhr früh das junge Paar Josefine und Tillman vor der Türe steht, kommt die destruktive Gewaltspirale erst so richtig in Gang. Nach einem kurzen Abtasten - Josefine ist die neue Assistentin von Julia, Tillman ihr Möbel bauender Lebensgefährte - wird es schnell persönlich. Da wird die Frage „Was ist Ihr Gebiet, Paul?“ schnell zum Minenfeld. Denn seine Ehefrau erwidert: „Die meisten Leute in Pauls Alter, die versagt haben, sind verbittert - aber Paul ist frei von Bitterkeit.“ Das sitzt.

Paul, der zunächst als ruhender Pol der Beziehung den von Julia angestachelten Streit zu verhindern versucht hat, gerät in Rage und trägt der jungen Assistentin kurzerhand einen Faustkampf an. Als diese wenig später mit Julia das Haus verlässt, um Alkohol zu kaufen, zerschmettert er an seinem Kopf Tomaten, einen Salatkopf und spuckt zuvor in den Mund gestopfte Paprika-Stücke in den „Griechischen Salat“, den Tillman anschließend in aller Ruhe verspeist, während Paul sich ihm sexuell zu nähern versucht.

Und so werden allerlei verschüttete Geheimnisse im Laufe dieser Nacht enthüllt, Theaterblut, Gips und zahlreiche Flüssigkeiten werden wie selbstverständlich über Haare, Kleider und nackte Haut verteilt. Es ist der verzweifelte Versuch, mit ein wenig Aktionismus die eigenen Grenzen zu verschieben, um für die anderen interessant zu bleiben. Treibende Kraft ist dabei Vera von Gunten, die mit ihrem intensiven, zwischen Hysterie und Überlegenheit changierenden Spiel den Abend vorantreibt.

In seiner Mischung aus Naivität, passiver Aggression und aufkeimendem Geltungsdrang steht ihr Schindegger in nichts nach. Seine vorsichtige Annäherung an den jungen Tillman, dem Anton Widauer eine ordentliche Portion Borderline verleiht, gehört zu den berührendsten Szenen des Abends. Alina Schaller als Josefine wird zwischen diesen starken Leistungen zerrieben, ihre zwischen Unsicherheit und Machtrausch wechselnde Figur überzeugt am Wenigsten in diesem Stück, das sich bald von einem dynamischen Aufbau löst und mit scheinbar aus dem Nichts kommenden Drehungen und Wendungen überrascht wie verstört.

Der mangelnde logische Aufbau ist auch der Grund, dass sich der Zuschauer emotional nur wenig auf den Abend einlassen kann. Das weitgehende Ausbleiben von nachvollziehbaren Handlungen, sich langsam aufbauenden Machtverhältnissen und stringenten Dialogen erweist sich trotz der Kürze des Abends als Aufmerksamkeitskiller. Nichtsdestotrotz ist „Schlafende Männer“ ein aufrüttelnder Abend, der seine volle Wirkung vielleicht erst entfaltet, wenn der Matsch auf der Bühne längst weggeräumt ist.

(S E R V I C E - „Schlafende Männer“ von Martin Crimp im Schauspielhaus Wien. Regie: Tomas Schweigen. Mit Vera von Gunten, Alina Schaller, Sebastian Schindegger und Anton Widauer. Bühne: Giovanna Bollinger. Weitere Termine: 9., 14. bis 17. November, 4., 5., 7., 8. und 12. bis 15. Dezember. Infos und Karten unter www.schauspielhaus.at oder Tel. (01) 3170101 18)




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