Letztes Update am Fr, 09.11.2018 10:34

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


WKÖ und Gewerkschaft: Umbau des Stromsystems muss leistbar sein



Wien (APA) - Die Industrie und die größte Einzelgewerkschaft GPA-djp pochen darauf, dass Strom trotz der ambitionierten Umstellung der Erzeugung auf Erneuerbare leistbar bleibt. Für die Wirtschaft sei die Gesamtkostenbetrachtung wichtig, betonte WKÖ-Energieexperte Stephan Schwarzer in einer Diskussion. Und GPA-Chefin Barbara Teiber sagte, die Kosten sollten nicht nur von den Konsumenten allein getragen werden.

In Deutschland zahle ein Hartz-IV-Empfänger schon 10 Prozent seiner Bezüge für Energiekosten, soweit dürfe es in Österreich nicht kommen, warnte Teiber am Donnerstagabend beim „trendforum“ von Oesterreichs Energie, dem Interessenverband der E-Wirtschaft. Es gehe um „eine breite Finanzierungsbasis und eine faire Kostenverteilung“, bei der die Lasten nicht nur auf die Konsumenten abgewälzt werden dürften: „Alle sollen einen Beitrag leisten.“ In die Gesetzwerdung des Erneuerbaren-Energie-Gesetzes (EAG), das ab 2020 gelten und den Rahmen für den Ökostromausbau stecken soll, wolle man einbezogen werden, so die Gewerkschaftschefin.

Wirtschaftskammer-Experte Schwarzer bekannte sich zu den in Paris ausgehandelten Klimazielen, „ich bin persönlich ein Fan von Paris“. Eigentlich tue es ihm „im Herzen weh, wenn wir kalorische Kraftwerke im Sommer anwerfen müssen, weil Leitungen und Speicher fehlen“. Es gehe beim Ökostromausbau einerseits um Mengen an Kilowattstunden, aber auch um Augenmaß und Kosteneffizienz. Das jetzige heimische System sei deutlich günstiger als das deutsche, weil es nur ein Dreißigstel koste, sonst sei die Relation ja 1:10. „Wir brauchen Markt, Wettbewerb - und die geplanten Anlagen-Ausschreibungen erzeugen diesen“, so Schwarzer.

Zu hohe Energiekosten könnten die Wertschöpfung der heimischen Industrie bedrohen, warnte Schwarzer - und mit jeder fossilen Einheit, die aus der Stromerzeugung herausgenommen werde, komme mehr Volatilität ins System. Daher sollten die CO2-Preise nicht so hoch gemacht werden, dass die Kohle aus dem Energiesystem draußen sei. Damit bezog er sich auf eine Äußerung von Christoph Gatzen, der in Köln als Associate Director beim Berater Frontier Economics tätig ist. Der hatte gemeint, eine CO2-Preis-Anhebung im europäischen Emissionshandelssystem (ETS) sei nur mit einer Verringerung der Menge an Treibhausgaszertifikaten möglich, denn mit 15 bis 20 Euro je Tonne CO2 sei Kohle noch nicht aus dem Markt. Doch könne Europa allein nicht allzu viel ausrichten, gab er zu verstehen, machten doch die europäischen Emissionen nur 5 bis 8 Prozent der weltweiten aus.

Für die Wirtschaft sei die Gesamtkostenbetrachtung ganz wichtig, betonte WKÖ-Umwelt- und Energieexperte Schwarzer: „Wir wollen kein Party-Crasher sein - aber wir wollen zu möglichst geringen Kosten möglichst viel Strom haben.“ Das System müsse billiger werden. Es dürfe keine Ausschreibungspreise geben, die über den jetzigen Einspeisetarifen liegen, und es dürften bei den Auktionen nicht womöglich schlechte Standorte wie gute behandelt werden. Kämen einmal Stromspeicher dazu, würden die ja auch etwas kosten. Der Generalsekretär des auch für Energie zuständigen Nachhaltigkeitsministeriums, Josef Plank, erwiderte, es sollte bei der Umstellung des Energiesystems nicht nur über die Kosten gesprochen werden, „es geht um mehr“.

Das bisherige Beihilfenrecht der EU habe eher keinen Schub für den Ausbau der Erneuerbaren gebracht, meinte Plank. Das werde man sich ansehen müssen, denn die EU-Kommission werde einen Plan Richtung 2050 auf den Tisch legen. Auch Kohle und Atom sollten einen Beitrag zur Speicherung leisten müssen - in Sinne der Systemverantwortung. Für alle, bis hin zur Atomkraft, sollte es gleiche Spielregeln geben - 35 Jahre lang indexierte Einspeisetarife würden sich viele wünschen, das seien nicht gleiche Regeln.

Beim ehrgeizigen Ökostrom-Ausbau in Österreich werde man sich keine Lücke leisten können, „wir werden am Wege nach vorn keinen Durchhänger verkraften“, meinte Plank. Schließlich sei das Ziel, die heimische Stromaufbringung bis 2030 bilanziell übers Jahr gerechnet zu 100 Prozent aus Erneuerbaren Energien zu decken. Bis 2030 soll in Österreich ja die dreifache Menge an gefördertem Ökostrom dazukommen - aber zu den gleichen jährlichen Kosten wie bisher, ist das Ziel der heimischen E-Wirtschaft.

Aktuell stammt in Österreich rund ein Sechstel des Endverbrauchs aus geförderten erneuerbaren Quellen - etwa 10,5 von insgesamt 66 Terawattstunden (TWh). Bis 2030 sollen aus neu geförderten Anlagen auf Basis von Wasserkraft, Wind, Photovoltaik und Biogas rund 30 TWh hinzukommen. Das Unterstützungsvolumen dafür soll aber mit knapp 900 Mio. Euro pro Jahr gleich bleiben, hatten Branchenvertreter am Donnerstag erklärt. Pro geförderter Strommenge würden sich die Kosten bei neuen Anlagen damit dritteln.

Im neuen System soll von den jetzigen fixen Einspeisetarifen abgegangen werden - einerseits auf Marktprämien, die sich Betreiber von Erneuerbaren-Anlagen durch eine Direktvermarktung holen, andererseits durch Auktionen für neue Anlagen, um eine bessere Mengensteuerung und mehr Wettbewerb zu erreichen, indem sich die effizienteren Projekte durchsetzen, so die E-Wirtschaft.

Zuletzt bezog Österreich rund 60 Prozent des Stroms aus Wasserkraft, 10 Prozent aus Windkraft, 6 Prozent aus Biomasse, 2 Prozent aus PV und ein Prozent aus Biogas. Aktuell stammen 54 TWh Strom aus Erneuerbaren, nur rund 10,5 TWh davon sind gefördert.

Beim Ausbau um rund 30 auf 88 TWh sollen an Windkraft und Photovoltaik je 11 bis 13 TWh dazukommen, an Wasserkraft 6 bis 8 TWh, hat Oesterreichs Energie errechnet. Auch mit den zusätzlichen Mengen wäre das Potenzial bei Wind- und Wasserkraft jeweils erst zu rund 60 Prozent genutzt (ohne Antasten von Wachau oder Nationalparks), bei PV erst zu rund 35 Prozent.

~ WEB http://oesterreichsenergie.at

https://news.wko.at/presse

http://www.gpa-djp.at/ ~ APA168 2018-11-09/10:30




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