Letztes Update am Fr, 09.11.2018 13:12

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Olga Neuwirth: „Die Leute glauben ja: Plötzlich kam das Böse“



Wien (APA) - Das Festival Wien Modern widmet Olga Neuwirth, die am 4. August ihren 50er gefeiert hat, heuer einen Schwerpunkt mit zwei großen Projekten. Die österreichische Komponistin sprach mit der APA u.a. über das politische Klima, ihre Musik zum Stummfilm „Die Stadt ohne Juden“, die kommende Aufführung des Großprojekts „The Outcast“ und über ihre Arbeit an dem Staatsopern-Auftragswerk „Orlando“.

APA: Frau Neuwirth, wie zufrieden waren Sie am Mittwoch mit der Uraufführung Ihrer Musik zum Stummfilm „Die Stadt ohne Juden“?

Olga Neuwirth: Es war eine gute Zusammenarbeit. Die wunderbare Akustik des Großen Konzerthaussaals hat allerdings Verstärkung nicht so gern. Aber es war alles zufriedenstellend. Bei so einem gravierenden Thema den richtigen Ton zu finden, war das Schwierigste, das ich je in meinem Leben gemacht habe. Alles kann kippen und falsch sein. Ich habe diesen Film wirklich Frame by Frame analysiert und mir immer überlegt, wo man was machen kann, wo man etwas andeuten oder ins Heute verweisen kann. Dabei wollte ich aber keinesfalls den Holzhammer verwenden.

APA: Gerade jetzt rund um das Gedenken an die Novemberpogrome werden die Fragen, wie so etwas möglich war, und ob sich das wiederholen könnte, intensiv diskutiert. Wie sehr treiben Sie solche Gedanken auch um?

Neuwirth: Sehr. Diese Fragen gehen mir seit Wochen täglich durch den Kopf und machen mich total nervös. Die Leute glauben ja: Plötzlich kam das Böse. Dabei ist es ja ein schleichender Prozess. Ich habe den damaligen Hauptübersetzer der Nürnberger Prozesse kennengelernt, Richard Sonnenfeldt. Er musste als junger Berliner Jude fliehen. Ich werde nie vergessen, was er erzählt hat. Er hat gesagt: Es beginnt alles in der Sprache. Wenn von oben Hassparolen verbreitet werden, verändert sich das Klima. Es wird immer ein bisschen mehr erlaubt, weil es selbstverständlich wird. Das können wir hier ja schon die vergangenen 20, 25 Jahre verfolgen. Deswegen interessiert mich die Figur des Ahab (der Kapitän in Herman Melvilles Roman „Moby Dick“, Anm.) auch so: Wie wird das Individuum zur manipulierbaren Masse? Ich glaube, wir sind in diesem Prozess schon sehr weit. Es irritiert mich, dass das immer wieder funktioniert.

APA: Ahab ist einer der Protagonisten von „The Outcast. Homage to Herman Melville“, das am 14. November im Konzerthaus zur Aufführung kommt. Bei der Uraufführung 2012 in Mannheim ist offenbar viel schief gelaufen. Sie haben sich damals von der Produktion distanziert.

Neuwirth: Dass man sich von einer Premiere distanziert, ist eine Verzweiflungstat, die einem dann als Arroganz ausgelegt wird. Es ist aber von dem, was ich wollte, nichts übriggeblieben. Bei einer Uraufführung das Werk der Autoren, also von Barry Gifford, Anna Mitgutsch und mir, überhaupt nicht ernst zu nehmen, ist eine Missachtung sondergleichen. Ich wollte keine wirkliche Oper, es ist eine Art Oratorium, eine Musik-Installation mit Video, wie ich das genannt habe. Am Ende gab es gar keine Videos mehr. Es geht mir aber nicht um die Repräsentation, sondern um die Aussage, die nicht mehr vorhanden war. Ich bin unglaublich froh, dass das hier eine neue Chance bekommt. Ich habe die Regisseurin Netia Jones dafür vorgeschlagen, denn ihre Arbeiten verfolge ich schon seit Jahren. Was sie macht, ist eine Art, wie man mit Medien, mit Zwei- und Dreidimensionalität umgehen kann im Theater. Ich freue mich sehr, dass sie sich darauf eingelassen hat.

APA: Wird Ihr Staatsopern-Auftragswerk „Orlando“ eine „wirkliche Oper“?

Neuwirth: Mich interessiert traditionelles Musiktheater nicht. Ohne fertige Partitur kann man aber kein Regie- und Bühnenbildkonzept machen. Ich bin aber schon ziemlich weit mit dem Komponieren. Im Prozess des Komponierens entstehen Bilder und andere Notwendigkeiten. Ich habe sehr visuelle Vorstellungen, und diese triggern meine Musik. Es macht auch keinen Sinn, ein riesiges Bühnenbild zu bauen, denn es gibt keine Zeit für große Umbauten. Ich muss also etwas anderes einführen, entweder Licht oder Video, um verschiedene Räumlichkeiten abzubilden. Es geht bei mir ziemlich schnell durch die Zeit. Wie auch bei Melville lösen sich Zeit und Raum auf.

APA: Die Uraufführung ist für Dezember 2019 angekündigt. Wann ist Abgabe?

Neuwirth: Ende November. Das schaffe ich aber jetzt nicht. Ein Grund sind die vier Monate, die ich für „Die Stadt ohne Juden“ gebraucht habe. Deswegen hatte ich das ja auch zunächst abgesagt. Ich muss jetzt auch noch nach London und Hamburg und habe so den ganzen November verloren. Das ist fürs Komponieren sehr viel. Dann muss ich mich wieder einsperren. An so einer Oper sitzt man ja ein Jahr lang täglich von früh bis spät und hofft, dass der Körper nicht eingeht. Es gibt da keine Pause. Ich möchte jetzt bis spätestens Ende Februar fertig werden. Denn ich muss mich dann gleich an den nächsten Auftrag setzen.

APA: Was steht als nächstes an?

Neuwirth: Das Nächste ist ein Auftrag für die New York Philharmonic zum Frauenwahlrecht. Da weiß ich noch nicht, was ich mache, außer, dass ich einen Kinderchor möchte, weil das die Zukunft ist. Dann wird ein Projekt endlich verwirklicht, das ich schon seit 2012 verfolge und mir eine Herzensangelegenheit ist. Das wird jetzt von der Chatelet-Oper in Paris realisiert, das Libretto schreibt wieder Barry Gifford. Parallel zu „Orlando“ sammle ich Ideen und Bilder dazu. Es gibt schon einen ganzen Stapel davon.

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

(B I L D A V I S O – Bilder von Olga Neuwirth wurden zuletzt am 10.3.2015 über den AOM verbreitet und sind dort abrufbar.)




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