Letztes Update am Fr, 09.11.2018 14:40

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Die Pogromnacht vom 9. November 1938 in Deutschland



Berlin (APA/dpa) - In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 verwüsteten Nationalsozialisten etwa 7.500 jüdische Geschäfte und Einrichtungen in Deutschland. Sie zündeten einen Großteil der rund 1.200 Synagogen und Gebetshäuser an, demolierten jüdische Friedhöfe und stürmten Wohnungen. Wieviele Menschen starben, ist unklar.

Das Nazi-Regime sprach von 91 toten Juden. Historiker gehen von mehr als 1.300 Menschen aus, die in Folge des Pogroms ums Leben kamen. Mehr als 30.000 Juden wurden in Konzentrationslager verschleppt. Auf dem Gebiet von Österreich wurden mindestens 30 Juden getötet, 7.800 verhaftet und aus Wien rund 4.000 sofort ins Konzentrationslager Dachau deportiert.

Die NS-Propaganda versuchte, die Aktion im November 1938 als Antwort der Bevölkerung auf den Tod des deutschen Diplomaten Ernst von Rath auszugeben. Propagandaminister Joseph Goebbels sprach von einer „spontanen Welle des Volkszorns“. Tatsächlich waren aber vor allem organisierte Sturmtrupps der SA und SS für die Exzesse verantwortlich.

Rath war am 7. November 1938 in Paris von einem 17-jährigen Juden namens Herschel Grynszpan niedergeschossen worden und starb später. Grynszpan hatte ursprünglich ein Attentat auf den deutschen Botschafter in Paris geplant, mit dem er gegen die Abschiebung tausender polnischstämmiger Juden, darunter seine Eltern, aus Deutschland protestieren wollte. Statt des Botschafters trafen seine Schüsse jedoch den jungen Botschaftssekretär Rath. Für die NS-Führung war dies ein willkommener Anlass, die Vorgangsweise gegen die jüdische Bevölkerung unter dem Vorwand des „Zorns der kochenden Volksseele“ zu verschärfen.

Die als Pogromnacht bekannte Gewaltwelle gilt als Auftakt zur systematischen Vernichtung der jüdischen Bevölkerung in Europa. Bis zum Kriegsende 1945 wurden im Holocaust etwa sechs Millionen Juden umgebracht.

Da sich die Angriffe allerdings nicht auf eine Nacht beschränkten, sondern mehrere Tage andauerten, sprechen Historiker inzwischen auch von „Novemberpogromen“. Das russische Wort Pogrom bedeutet „Verwüstung“ und „Unwetter“ und bezieht sich historisch auf spontane antijüdische Ausschreitungen in Osteuropa im 19. Jahrhundert. Die von den Nazis übernommene Bezeichnung „Reichskristallnacht“, die auf die vielen Scherben in den Straßen anspielte, wird heute als verharmlosend abgelehnt.




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