Letztes Update am Mo, 19.11.2018 08:15

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Vielstimmige Kriegsanklage: Brittens „War Requiem“ im Musikverein



Wien (APA) - Das Gedenken an den Krieg als monumentale Flehen und Anklage im kleinen Format: Zuletzt hatten die Wiener Symphoniker Benjamin Brittens „War Requiem“ 2014 in Bregenz zum Gedenken an den Beginn des Ersten Weltkrieges gespielt. Am Sonntagabend intonierte es das Orchester unter Chefdirigent Philippe Jordan erneut - just am deutschen Volkstrauertag und kurz nach dem 100. Jahrestag des Kriegsendes.

Britten hatte das Requiem 1962 zur Eröffnung der neuen Kathedrale im kriegszerstörten Coventry geschaffen, ein vielstimmiges, vielgestaltiges Stück Musik und eine reine Anklage gegen den Krieg als solches. So ist das „War Requiem“ letztlich ein Monumentalwerk, das doch über weite Strecken keines ist. Der damals 48-jährige Britten konzipierte das Stück für eine gigantische Besetzung aus gemischtem Chor, Knabenchor, großem Orchester sowie drei Solisten. Und doch fragmentiert der Komponist das Geschehen meist in drei voneinander abgesetzte Gruppen, die zueinander in Kontrast gesetzt werden.

Das klagende Flehen des lateinischen Requiems ist meist der weiblichen Stimme in Verbindung mit dem Chor vorbehalten und wird gesetzt gegen die individuelle Leidpoesie der beiden männlichen Solisten, die Gedichte des 1918 gefallenen Autors Wilfred Owen singen und dabei nur von einer Kammerformation begleitet werden. Als dritte Klangfarbe kommt der im Musikverein von den Wiener Sängerknaben gestellte Knabenchor hinzu, der aus der Ferne die engelsgleiche Mahnung verkörpert. Nur in wenigen Momenten wie dem Dies Irae schöpft der Komponist aus dem Vollen des Tutti.

Diesem spannenden Kunstgriff, die kleine gegen die große Form zu stellen, beide in ihrem Charakter zu belassen und doch keine Friktionen, sondern meist den sanften Übergang zu suchen, wurde im Musikverein noch unterstrichen. Adrianne Pieczonka stellt mit dem Stimmcharakter ihres dramatischen Soprans den reizvollen Kontrast zum geradlinigen Tenor eine Werner Güras dar, während Thomas Hampson sich mit dem Timbre seines Baritons in der Mitte einordnet. Der Wiener Singverein mit vor allem ausgezeichnet präparierten Männerstimmen tat sein Übriges. Und so vereinte sich stilistische Vielfalt zu einer Stimme gegen den Krieg, an deren Ende nach dem Amen Jordan lange die Spannung hielt, bevor er die Arme sinken ließ und der Jubel losbrach.

(S E R V I C E - www.musikverein.at)




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