Letztes Update am Mo, 19.11.2018 11:54

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Neue, alte Ufer: Tschechische Philharmonie vor Musikvereinsresidenz



Prag/Wien (APA) - Der Klang eines Orchesters, sagt Semyon Bychkov, sei wie ein Abdruck, den die jeweilige einheimische Musik hinterlassen habe. Auch der Saal, in dem über die Jahrzehnte musiziert wird, schreibe sich ihm ein. „In Worte fassen kann man ihn aber nicht.“ Auch nicht den tschechischen Klang, der ebenso gepflegt wie mythenumrankt wird in Prag. Nur hören, und die warme Resonanz fühlen auf der Haut.

Semyon Bychkov ist der neue Chefdirigent der Tschechischen Philharmonie und führt das Orchester nach einer ausgedehnten US-Tournee zu Saisonstart schon bald nach Wien: Am Samstag (24.) beginnt eine viertägige Residenz im Musikverein. Man spielt Dvorak und Smetana, Lubos Fiser - und Mahler. „Dieses Orchester hat seinen speziellen Klang erhalten wie wenige andere“, erzählt der gebürtig russische Dirigent beim APA-Besuch in Prag. „Die Musiker kommen alle aus der gleichen Schule, sie haben dieselbe Art, ihr Instrument zu halten, den Bogen aufzusetzen, sie spielen wie ein einziger Körper.“

Ein Körper mit einem natürlichen Lebensraum. Da, wo die Moldau sich entschieden in die Kurve legt, um sich weiter an die Altstadt von Prag zu schmiegen, thront das Rudolfinum. Ein imposantes neoklassisches Konzerthaus, errichtet von der Böhmischen Sparkasse unter der Schirmherrschaft von Kronprinz Rudolf - etwa zur selben Zeit, als im Wien der Ringstraßenzeit auch der Musikverein gebaut wurde. Es ist der Sitz und das Eigentum der Tschechischen Philharmonie, sein großer Saal mit den steilen Sitzreihen hat eine eigenwillige Akustik, die samtweich sein kann wie das dunkle Schwingen der Streicher, glockenhell, aber auch widerspenstig und verschluckend. „Man muss den Saal spielen lassen“, sagt Bychkov: „Wenn man sich gegen den Saal wehren will, wird man verlieren.“

Er selbst hat Freundschaft geschlossen mit ihm. „Wann immer ich aus dem Goldenen des Musikvereins an einen anderen Ort komme, erlebe ich einen akustischen Schock - nicht aber im Rudolfinum.“ Die Verbindung nach Wien, die Verwandtschaft in der Klangsprache, in jenem besonderen Gemisch aus nobel und deftig, das mit der böhmischen auch die altösterreichische kulturelle Identität geprägt hat, ist nicht zu leugnen - und wird doch auch nicht gern betont. 2018 feiert man schließlich den 100. Jahrestag der lang ersehnten Unabhängigkeit von der österreichischen Krone, eine Souveränität, die es auch gegen russische Einflüsse noch jahrzehntelang zu verteidigen galt. „Die Geschichte des Orchesters ist mit jener des Landes untrennbar verbunden“, sagt Bychkov. Es ist Symbol für das ureigene Tschechische, das seinen Platz zwischen Ost und West selbstbewusst zu behaupten bestrebt ist.

Ob das nicht überkommene Kategorien sind? Ob nicht gerade die Welt der Klassik immer schon globalisiert, ob nicht gerade das Orchester stets ein Melting Pot war? Bychkov warnt vor überschießender Political Correctness, „die alles gleich macht: das erleben wir heute viel zu oft, und es bedeutet oft genug einen Verlust. Man soll anderen nicht vorschreiben, wie sie zu leben und zu entscheiden haben.“ Das Bewahren bestimmter Charakteristika sei ein wertvolles Gut, das bedeute nicht zwingend, dass man sich gegen Einflüsse gänzlich abzuschirmen habe. Erst kürzlich hat bei einem Probespiel ein japanischer Flötist die Soloposition gewonnen. Das Orchester öffne sich. Mit dem Klang aber, müsse man - müsse auch er selbst, wie er zugibt - respektvoll umgehen.

Tief geprägt wurde das Orchester nicht zuletzt von Bychkovs Vorgänger, Jiri Belholavek. In den 90er-Jahren war er bereits Chefdirigent, 2012 erklärte er sich, nach einem klaren - auch finanziellen - Commitment der tschechischen Regierung zum Orchester, bereit, zurückzukommen. Fünf fruchtbare, glückhafte - und von hochkarätigen CD-Einspielungen gesäumte - Jahre später starb er. Das junge Management suchte einen neuen Dirigenten. Dass Bychkov, der seit 2010, nach einer Dekade beim WDR in Köln, keinen Chefposten mehr angenommen hatte, zusagen würde, wagte man kaum zu hoffen. Seit 2013 hatte er immer wieder mit dem Orchester gearbeitet - und wagte schließlich eine neue Bindung. Der Klang, sagt er.

Was das Repertoire betrifft, so steht Bychkov für eine Erweiterung, „aber in einer traditionellen Art und Weise“, erklärt Orchestermanager Robert Hanc. 14 Auftragswerke hat man vergeben, an neun tschechische und vier internationale Komponisten. „Man erwartet von der tschechischen Philharmonie, dass sie Smetana, Dvorak, Martinu spielt - und das tun wir auch. Man sollte aber auch von ihr erwarten, dass sie das Musikschaffen in Tschechien heute fördert“, betont Bychkov. Die beauftragten Komponisten sind teilweise international völlig unbekannt. „Man muss es versuchen. Man muss es auf Tour bringen. Anders geht es nicht.“ Und der Dirigent aus Leningrad, der seine Karriere in den USA gemacht hat, führt das Orchester auch an die russische Musik heran. Mit Decca hat man ein Tschaikowsky-Projekt gestartet, die Aufnahme der „Manfred“-Symphonie dokumentiert eine echte Sternstunde.

Es herrscht Aufbruchsstimmung an den neuen, alten Ufern der Moldau - im übertragenen, wie im wörtlichen Sinne. Man baute eine Digital Concert Hall auf, finanziert nicht zuletzt über öffentliche Förderungen, die auf den massiven Ausbau der erfolgreichen Education-Programme für Schulen und junges Publikum zielen, man bereitet die kommenden Abokonzerte mit Gästen wie Simon Rattle, Joshua Bell oder Franz Welser-Möst vor - und hat zugleich gepackte Koffer für eine rege Tourneetätigkeit. Nach der US-Tour und zahlreichen Gastspielen, darunter in London und Wien, ist im Februar eine umfangreiche Reise durch Deutschland geplant.

Zur ersten großen Residenz mit dem neuen Chef im Wiener Musikverein bietet man jedenfalls einiges auf, um den tschechischen Spitzenklang auch hierzulande wieder zur Marke zu machen. Dvoraks „Aus der neuen Welt“ und Gustostückerl aus Smetanas „Verkaufter Braut“, dazu das Saint-Saens-Cellokonzert mit Gautier Capucon sowie zweimal die Auferstehungssymphonie des gebürtig böhmischen Gustav Mahler mit einer exquisiten Sängerbesetzung aus Elisabeth Kulman und Christiane Karg. Schon jetzt sind die Prager als Stammgäste gebucht: Für November 2019 ist bereits die Rückkehr mit einem Tschaikowsky-Abend programmiert.

(S E R V I C E - www.musikverein.at; www.ceskafilharmonie.cz/en)




Kommentieren