Letztes Update am Mo, 19.11.2018 12:03

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„Das große Experiment“: Neuer Erzählband von Jeffrey Eugenides



Wien (APA) - „Das große Experiment“ - das verheißt Bedeutendes, Gewagtes, einen Aufbruch in eine ungewisse Zukunft. Die Geschichten, über die US-Autor Jeffrey Eugenides in seinem soeben auf Deutsch erschienenen gleichnamigen Erzählband schreibt, sind jedoch ganz banal und deprimierend. Es geht um das ganz alltägliche Scheitern des Great American Dream. Es geht um Probleme, mit denen wir alle konfrontiert sind.

Das titelgebende „Große Experiment“ etwa ist der Name eines kleinen Liebhaber-Verlags, das Steckenpferd eines reichen Amerikaners, eines 82-jährigen Libertins, der mit Schmuddel-Literatur reich geworden war und nun einen Teil seines Geldes in die Neuveröffentlichung von Büchern wie Alexis de Tocquevilles „Über die Demokratie in Amerika“ steckt. Weil er dabei jedoch seinen engagierten Verlagschef finanziell so kurz hält, dass dieser nicht einmal sein Haus heizen kann, wird von diesem in großer Not die Idee geboren, ein wenig von dem vielen Geld über Scheinrechnungen illegal abzuzweigen.

Verführung, Versuchung und Verfehlung - das sind die gemeinsamen Themen der zehn Erzählungen, die in diesem, 2017 in den USA unter dem Titel „Fresh Complaint“ erschienenen Band enthalten sind. Der älteste Text ist drei Jahrzehnte alt, drei wurden 2003 auf Deutsch bereits gemeinsam als „Air Mail“ veröffentlicht und sind auch als Taschenbuch erhältlich. Immer wieder tauchen Motive auf, die - etwa in einer Story über zwei junge Tramperinnen und ihre widersprüchlichen Gefühle - an die von Sofia Coppola verfilmten „Selbstmord-Schwestern“ oder - etwa in der Geschichte des Sexologen Peter Luce und seines gefährdeten Lebenswerks über sexuelle Prägungen - an Eugenides‘ Bestseller „Middlesex“ (2003) erinnern.

Das Scheitern ist nur selten groß und episch, meist wirkt es kleinlich, widerlich und schmutzig. Es fühlt sich nicht gut an und sieht auch nicht gut aus. Jeffrey Eugenides beschönigt nichts dabei und beschreibt nicht ohne Empathie, aber ohne moralisches Urteil, die Verfahrenheit der Lage, in die sich Ehemänner und Familienväter, Geschäftsleute und Wissenschafter, ehemals Liebende und einst Hoffende verstrickt haben. Nein, mit der Babysitterin zu schlafen, war tatsächlich keine gute Idee, nein, die Avancen einer jungen Physikstudentin nicht sofort energisch abzuweisen, auch nicht. Dass Eugenides nichts unternimmt, die Dinge zuzuspitzen, keine auf einen Showdown hinsteuernden dramatischen Plots entwirft, irritiert - zumal nicht jeder der Protagonisten über genügend interessante Facetten verfügt, bei denen sich leicht andocken ließe.

Und doch regiert nicht bloß die Trostlosigkeit. Ob sich eine Vierzigjährige durch unkonventionelle Methoden doch noch ihren Kinderwunsch zu erfüllen versucht oder der Vater eines Erzählers unermüdlich neue Projekte schmiedet, auch wenn die Schulden des vorangegangenen Business-Desasters noch lange nicht abgezahlt sind - immer wieder schimmert auch Bewunderung für jene durch, die sich einfach nicht unterkriegen lassen wollen. Oder für jene, die nicht im Mainstream mitschwimmen, sondern ihr eigenes Ding durchziehen. Das Buchcover zeigt einen einsamen Mann im Meer in einer hellen Vollmondnacht - die Schlussszene der Erzählung „Air Mail“. Sie handelt von einem jungen Amerikaner, der auf einer thailändischen Insel eins wird mit der Natur. Man kann es aber auch weniger poetisch sagen: Er krepiert an einer Magen-Darm-Infektion, deren Behandlung er verweigert.

(S E R V I C E - Jeffrey Eugenides: „Das große Experiment“, Aus dem Englischen von Gregor Hens und anderen, Rowohlt Verlag, 336 Seiten, 22,70 Euro)




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