Letztes Update am Mo, 19.11.2018 13:23

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Historische Postkarten als Zeugen von nationalen Differenzierungen



Graz/Bad Radkersburg (APA) - Ob Urlaubsgrüße oder Glückwünsche - was heute über Social-Media-Dienste erledigt wird, erfolgte Anfang des 20. Jahrhunderts mittels Postkarte. 1885 wurden in der österreichisch-ungarischen Monarchie erstmals die „Correspondenzkarten“ eingeführt. An der Universität Graz untersuchen Wissenschafter anhand von Postkarten aus der früheren Untersteiermark Zusammenhänge von Sprache, Nation und Identität.

In Städten wie Wien oder Graz konnte es um 1900 durchaus passieren, dass „der Postmann viermal klingelte“ - und zwar täglich: Er brachte Poststücke und vor allem Postkarten. Sie entwickelten sich just zu einem Massenmedium als die Untersteiermark - der südliche Teil des damaligen Kronlandes Steiermark und heute in Slowenien gelegen - zum Schauplatz von nationalen Differenzierungen wurde, weiß der Grazer Slawist und Projektleiter Heinrich Pfandl.

Im Team mit Historikern zeigt Pfandl auf, wie sich das Neben-, Mit- und Gegeneinander der deutsch- und slowenischsprachigen Bevölkerung in der Untersteiermark in den letzten Jahrzehnten der Habsburgermonarchie widerspiegelt. Spuren von Sprachenkampf und Nationalitätenkonflikten würden dabei zuweilen ebenso sichtbar wie selbstverständliche Zweisprachigkeit und alltägliches Nebeneinander. Das vom Forschungsfonds FWF geförderte Projekt läuft noch bis 2019, ein Teil der Projektergebnisse werden aktuell in Form der Ausstellung „Stajer-mark“ im Pavelhaus in Laafeld bei Bad Radkersburg sichtbar gemacht, wie der FWF mitteilte. Weiters wird die virtuelle Postkartensammlung POLOS (POstcarding LOwer Styria) aufgebaut.

Die slowenische Stajerska und die österreichische Steiermark bildeten bis 1918 zusammen ein Kronland der Habsburger Monarchie, das in seinem südlichsten Teil intensiv von Zweisprachigkeit geprägt war. Während die Untersteiermark bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts von der friedlichen, wenn auch asymmetrischen Koexistenz des Deutschen und des Slowenischen geprägt war, begann sich dieses Miteinander in den letzten Jahrzehnten der Habsburger Monarchie zusehends aufzulösen, schilderte der Slawist. Sprache war seither nicht mehr nur bloßes Kommunikationsmittel, sondern wurde auch zum Emblem der eigenen nationalen Zugehörigkeit und Identität. Das Projekt POLOS nutzt den Quellenwert der Postkarte, um Einsichten über Sprachgebrauch, Identitätskonzepte und Lebenswelten der slowenisch- und deutschsprachigen Bevölkerung zu erhalten.

„Dennoch, und hier setzt das Projekt an, lebten und kommunizierten Slowenisch- und Deutschsprachige weiterhin miteinander in diesem gemeinsamen Raum. Sie stellten keineswegs hermetisch geschlossene ethno-linguistische Gruppen dar, wie dies die jeweiligen traditionellen Geschichtsnarrative gerne tradierten“, haben die Grazer Forscher herausgefunden. Pfandl selbst besitzt eine rund 500 Stück umfassende Sammlung mit Postkarten aus der Zeit zwischen 1885 und 1920. Im Rahmen des Projektes hat das Team insgesamt an die 10.000 Postkarten aus Sammlungen in Österreich und Slowenien gesichtet, analysiert und Fallbeispiele ausgearbeitet.

Zahlreiche Beispiele würden belegen, dass die Bevölkerung der Region im Individualkontext oft beide Sprachen verwendete: „Eine Postkarte beginnt mit ‚Welche Überraschung!‘, gefolgt von mehreren Zeilen auf Slowenisch. Wir vermuten, dass der Verfasser nicht wusste, was Überraschung auf Slowenisch heißt“, erklärte Pfandl. Dabei handle es sich nämlich um einen „Kulturbegriff“, wofür es damals ebenso wie für militärische Ausdrücke oder Begriffe der Modernisierung wie etwa „Zug“ auf Slowenisch noch keine weitverbreiteten einheitlichen Bezeichnungen gab. Die Verfasser seien in solchen Fällen auf das eindeutigere und prestigebehaftete Deutsche ausgewichen - ein Phänomen, das mit dem heutigen Gebrauch von Anglizismen vergleichbar sei.

Im Kartenkonvolut sind die Wissenschafter auch auf Exemplare gestoßen, die die zunehmende Polarisierung zwischen der deutsch- und slowenischsprachigen Bevölkerung anhand von beiderseitig abwertenden Kommentaren verdeutlichen: Beispielsweise finden sich Karten, in denen Aufdrucke von Ortsnamen in deutscher Bezeichnung durchgestrichen wurden. Unterstrichen wurde dies durch Postkartenmotive wie nationale Banner oder Briefmarken mit politischen Parolen.

(S E R V I C E - Infos zum Projekt „POstcarding LOwer Styria - Nation, Sprache und Identitäten auf Postkarten der Untersteiermark (1885-1920) unter https://postcarding.uni-graz.at/de/projekt/; www.pavelhaus.at)




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