Letztes Update am Mo, 19.11.2018 14:35

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Expertin: Zu viel Fokus auf Kosovo, zu wenig EU-Engagement in Serbien



Wien/EU-weit (APA) - Der EU-Annäherungsprozess ist aus der Sicht vieler Serben eine Quelle von Frustration. So würde sich die EU zu wenig in Bereichen engagieren, die das tägliche Leben der Menschen betreffe, und stattdessen einen zu großen Fokus auf die Kosovo-Frage legen. Das sagte Maja Bobic, die Vizepräsidentin von Serbiens „Europäischer Bewegung“, einem internationalen Netzwerk für Europapolitik, am Montag in Wien.

Bobic, die auf Einladung des „forum journalismus und medien wien“ (fjum) im Haus der Europäischen Union auftrat, erläuterte: Serbien sollte für die EU auch bei Bereichen wie Sozialpolitik, Innovation, Informationstechnologie oder Verkehr „auf der Agenda sein“. Im Gegensatz dazu gebe es „zu viel Aufmerksamkeit für den Kosovo“, sagte die Expertin. Dieser Fokus prägt offenbar auch das Bild der EU in Serbien. Von Medien und lokalen Politikern würde die „Story“ geschürt, dass die EU Serbien erpresse. Russland dagegen werde viel positiver gesehen.

Die meisten Serbien erachten die ehemalige serbische Provinz „nicht als das wichtigste in ihrem Leben“, sagte Bobic. Lebensstandard oder Arbeitsplätze etwa seien relevantere Themen. Wenn es aber um die Frage geht, ob Serbien der EU beitreten soll, wenn dafür die Bedingung sei, dass Belgrad den Kosovo anerkenne, sagen zwei Drittel der Serben: Unter dieser Bedingung sollte Serbien kein EU-Mitglied werden.

Derzeit gebe es eine Mehrheit von knapp 54 Prozent der Serben, die in einem Referendum für einen EU-Beitritt ihres Landes stimmen würden, sagte Bobic. Doch die meisten glauben nicht, dass sich dadurch irgendwas verbessern würde. 40 Prozent der Serben erachten ihre Situation als sehr oder eher schlecht. 30.000 Menschen, vor allem gut gebildete, verließen das Land jedes Jahr. „Braindrain“ sei ein großes Problem.

Die EU-Annäherung dauere „zu lang“, viele seien frustriert. Bobic: Serbien hat seit Beginn der Verhandlungen mit der EU 2014 erst 14 Kapitel eröffnet. Das angestrebte Beitrittsdatum 2025 „scheint nicht realistisch“.

Dementsprechend forderte die serbische Ministerpräsidentin Ana Brnabic bei einem Treffen von sechs Westbalkan-Staaten mit Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) am Montag in Wien, dass noch vor Ende des österreichischen EU-Ratsvorsitzes mit Jahresende weitere Kapitel geöffnet werden. Kurz seinerseits betonte, dass das wieder Ingangbringen des stockenden Dialogs zur Normalisierung der Beziehungen zwischen Belgrad und Prishtina absolute Priorität haben müsse.




Kommentieren