Letztes Update am Di, 20.11.2018 10:09

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Undercover-Journalist in Grazer Moscheen: „Wir müssen aufpassen“



Graz (APA) - Der deutsche Journalist Shams Ul-Haq hat sich ein halbes Jahr lang undercover in Grazer Moscheen bewegt und schreibt in seinem Buch „Eure Gesetze interessieren uns nicht!“ von Radikalisierung. Mit falscher Identität besuchte er Dutzende Gebetshäuser - auch in der Schweiz und Deutschland. Im APA-Gespräch warnte er: „Die Politik muss wachsam sein“, denn österreichische Gesetze seien „lachhaft“.

Ul-Haq war vor mehr als 25 Jahren als Minderjähriger aus Pakistan nach Deutschland geflüchtet. Er arbeitet meist undercover und schmuggelte sich als vermeintlicher Flüchtling in deutsche Aufnahmelager und als gläubiger Muslim in Moscheen. In seinem Ende Oktober erschienenen Buch geht der Autor auf drei in seinen Augen spezielle Grazer Moscheen ein: die Tawhid-Moschee in der Herrgottwiesgasse, die Subul El Salam-Moschee in der Großmarktstraße und die afghanische Moschee in der Ungergasse.

In allen diesen Moscheen hatte er mit Misstrauen ihm gegenüber zu tun. Seit den Razzien, Festnahmen und Verurteilungen in den vergangenen Jahren wüssten die Imame, dass sie von staatlichen Stellen überwacht werden: „Seither haben sie ihre Taktik geändert. Sie gehen mehr in Privathäuser oder Fitnessstudios“, sagte der Journalist. In seinem Buch schreibt er: „Der ‚moderne‘ Hassprediger ruft nicht mehr zum Dschihad auf, vielmehr wählt er seine Worte so geschickt, dass er die Gedanken der Muslime, die ohnehin bereits von der Notwendigkeit des Dschihad überzeugt sind, in die gewünschte Richtung des radikalen Islam lenkt. Diese Prediger wurden schließlich dafür ausgebildet, die richtigen, das heißt entsprechend empfänglichen Personen zu identifizieren und diese dann schrittweise zu radikalisieren. Es handelt sich dabei um ausgesprochen versierte Psychologen, die genau wissen, welches Gift sie in die Köpfe der Menschen injizieren müssen, damit sich diese aus scheinbar eigener Initiative einer Terrororganisation anschließen.“

Die Entscheidung, für seine Recherchen nach Graz zu gehen, sei auf die steirische Landeshauptstadt gefallen, weil es sich seiner Ansicht nach um einen Hot-Spot der radikalen Islamisten-Szene handelte - und sein Verdacht habe sich bestätigt, meinte er. „Insgesamt hielt ich mich sechs Monate lang in Graz auf, besuchte in dieser Zeit alle 16 Moscheen in der Stadt sowie drei nicht gemeldete islamische Gebetshäuser. Natürlich konzentrierte ich mich insbesondere auf die radikal-islamischen Gebetshäuser. Von ihnen erfuhr ich über Informanten, denn einige davon existieren offiziell überhaupt nicht.“ Diese „Moscheen“ seien meist nichts weiter als Hinterzimmer in irgendwelchen Wohnhäusern und deren Imame agieren weitgehend unentdeckt, fand Ul-Haq heraus. Dort würden die Hassbotschaften verbreitet.

Der Deutsche ist nach den Monaten in Graz überzeugt: „Die Radikalisierung in den entsprechenden Moscheen findet in Kombination von Koran- und Islamunterricht sowie im Rahmen des Machrib und des Ischra - dem Abend- und dem Nachtgebet - statt.“ Er beschreibt weiter: „Das größte Problem stellt natürlich der Unterricht der Kinder dar, denn sie sind nun mal die nächste Generation, und je nachdem, welches Weltbild ihnen vermittelt wird, werden sie innerhalb unserer Gesellschaft ihren Platz finden - oder auch nicht. Ich war ausgesprochen überrascht über die hohe Zahl von Jugendlichen, die sich in der afghanischen Moschee aufhielt. Männer, die ihr Geld mit Drogenhandel und Prostitution verdienen, die allein schon durch ihre Lebensumstände und Lebensgeschichten ein hohes Gefährderpotenzial darstellen und in engem Kontakt zur afghanischen Moschee stehen. Aus meiner Sicht handelt es sich hier gesellschaftspolitisch um eine Art leicht entzündlichen Molotow-Cocktail, der jederzeit hochgehen kann.“

Gegenüber der APA bekräftigte er seine Zeilen: „Die Kinder werden in diesen Moscheen groß. Wir müssen aufpassen und wir müssen etwas dagegen tun.“ Er nimmt die Politik in die Pflicht: „Ich habe meine Arbeit getan, aber ich will nicht den V-Mann für die Politik spielen.“ Die Ermittler wüssten nicht einmal, wo diese versteckten Moscheen sind. Er begrüße zwar die grundsätzliche Haltung der derzeitigen österreichischen Regierung, warnte aber, dass eine „zu einseitige Vorgehensweise“ auch dazu führen könnte, „die Situation noch zu verschärfen, anstatt sie zu verbessern. Die Imame, die ausgewiesen werden sollen, sind häufig nicht die richtigen Leute. Die wahren Drahtzieher bleiben im Hintergrund.“ Die meisten seien „Bauernopfer“. Aus seiner Sicht sind es Personen im Hintergrund und nicht im Vorstand der Vereine, die die entscheidenden Fäden ziehen würden.

„Ich halte die afghanische Moschee für absolut gefährlich, weil vieles im Hintergrund stattfindet und selbst ich - als erfahrener Undercover-Journalist, Muslim und gebürtiger Pakistani - in sechs Monaten nicht viel herausfinden konnte. Eindeutig war für mich zumindest, dass Hasspredigten durchgeführt wurden. Natürlich nach dem neuen System, also keine offensichtlichen Hassbotschaften, sondern subtile Andeutungen, die sich erst zusammenfügten, wenn man den Unterricht und die Gebete gemeinsam verfolgte“, fasst er in seinem Buch zusammen.

Manche österreichische Gesetze bezeichnete der Journalist gegenüber der APA als lachhaft, denn radikale Imame „gehören abgeschoben“: „Ich bin auch Muslim, aber Hass predigen ist nicht in Ordnung.“ In den Moscheen werde über die Maßnahmen des Gesetzgebers gelacht. Vermeintliche V-Männer der Behörden würden großteils nie ihre eigenen „Brüder“ verraten - es dringe nur nach außen, was nach außen darf, beschrieb Ul-Haq in seinem Buch. Er kritisierte im Gespräch, dass diese „Kulturvereine“ offenbar niemand kontrolliere: Es werden Spenden gesammelt und er fragt sich, wohin fließt das Geld? Steuern würden auch nicht abgeführt.

Er selbst lebe wegen seiner Enthüllungen zwar in Angst um sein Leben, „aber ich höre nicht auf, denn das ist mein Dschihad“. Schade findet er, dass sich viele Grazer verschlossen geben: „Die Leute müssen sich öffnen. Die Probleme muss man zusammen anpacken, darüber reden und lösen.“

Der Landespolizeidirektion Steiermark und dem steirischen Landesverfassungsdienst ist das Buch übrigens bekannt. Die Aussagen seien aber die „Privatmeinung des Autors“. Manche Behauptungen seien bereits überholt. Die Vereine und Moscheen würden überwacht, doch über die Taktik werde naturgemäß keine Auskunft gegeben, hieß es auf APA-Nachfrage.




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