Letztes Update am Di, 20.11.2018 14:12

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Ländliche Melancholie: „Nenn mich November“



Berlin (APA/dpa) - Dorfromane sind ja seit einiger Zeit sehr in Mode. Juli Zeh hat „Unterleuten“ geschrieben, Jan Böttcher „Das Kaff“, Sasa Stanisic „Vor dem Fest“, um nur einige zu nennen. Nun hat auch Kathrin Gerlof ein Provinzporträt verfasst. „Nenn mich November“ ist eine bedrückende Zustandsbeschreibung deutscher Befindlichkeit abseits der Metropolen, dort wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen.

Sollte diese Zustandsbeschreibung nur annähernd der Wirklichkeit entsprechen, kann einem angst und bange um die Provinz werden. Denn: „Das Dorf stirbt. Seine Menschen haben vergessen, wie man lebt. Sie existieren, aber sie sind schwach und geben nur unnützes Wissen weiter.“ Und an anderer Stelle: „Das Dorf würde nicht mehr lange existieren. Es gehört einer aussterbenden Spezies an. Unfruchtbarkeit, Unlust und Inzucht besiegeln sein Schicksal.“

Das einzig Lebendige in diesem abgestorbenen Kosmos sind noch die Hunde: „Im Dorf gibt es kein Begehren mehr. Nur die Hunde steigen aufeinander, wenn die Zeit läufig ist.“ Landlust kommt hier nirgends auf. Fontanes romantische Wanderungen durch die Mark Brandenburg sind nur mehr eine ferne Erinnerung. Statt heimeliger Dorfidylle öde Maismonokulturen und Biogasanlagen.

Früher gab es mal eine Papier- und eine Zuckerfabrik, sie haben längst dicht gemacht. Die Jugend ist auf und davon. Zwei Großbauern, in herzlicher Feindschaft verbunden, kontrollieren das Geschehen. Der Rest des Dorfes döst missmutig vor sich hin. Eines Tages jedoch gibt es Zuwachs aus der Stadt. David hat ein heruntergekommenes Haus seiner Tante geerbt. Er und seine Frau Marthe, genannt November, ziehen allerdings nicht ganz freiwillig hierher. Vielmehr sind sie in der Stadt gescheitert. Davids Idee zur Weltrettung durch kompostierbares Geschirr funktionierte nicht. Zu wenige wollten seiner Heilsbotschaft folgen. Am Ende stand die Privatinsolvenz und der Auszug aufs Land.

Während Marthe am liebsten sofort wieder nach Berlin zurück flüchten würde, passt sich David dem tranigen Rhythmus des Dorfes an. Er wird schweigsam wie die Dörfler, scheint aber immerhin zufrieden. Und doch bleiben er und Marthe am Rande. Die Ankunft von Flüchtlingen bringt noch einmal Bewegung ins lethargische Einerlei. Die Reaktion ist wie erwartet. Während Großbauer Schulz darin ein gutes Geschäft wittert, sind die meisten Dorfbewohner misstrauisch bis ablehnend. Sogar eine Bürgerwehr wird hastig ins Leben gerufen, drei Deutschlandflaggen werden demonstrativ gehisst. Doch auch das ist schon zu viel der Courage: Bald tauscht man eines der Banner durch eine Bayern-München-Flagge aus.

Gerlof ist zweifellos eine großartige Schreiberin. Das zeigt sich an ihren plastisch-sinnlichen Schilderungen. Es stinkt, dampft und trieft nur so in diesem Dorfleben. Junge Kerle wärmen da ihre Hände an den „Hintern der Weiber“: „Frisch geschrubbt waren die Hände, aber unter den Fingernägeln immer noch Schweineblut oder Erde. Die Hintern mancher Weiber waren groß und rund und birnenförmig. Die Hände im weichen Fleisch vergraben, gaben die Kerle endlich einmal Ruhe.“

Trotzdem ist dieser Roman auch voller Klischees: Der raffgierige, clevere Großbauer, die frustrierten, klatschsüchtigen Ehefrauen, die dicken lethargischen Männer, die neidisch die schlanken Flüchtlinge beäugen, die randständigen Städter. Das ist alles schon sehr schablonenartig. Insgesamt macht das düstere Szenario dieser untergehenden Dorfwelt, das Kathrin Gerlof hier ausbreitet, ausgesprochen schlechte Laune.

(S E R V I C E - Kathrin Gerlof: „Nenn mich November“, Aufbau Verlag, Berlin, 350 Seiten, 20,40 Euro)




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