Letztes Update am Mi, 21.11.2018 07:03

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„Media under Pressure“: Afghanischer Journalist schildert Erlebnisse



Wien/Kabul (APA) - In Afghanistan hat sich der Journalist Ramin Siawash (25) vor allem mit der Rolle von Frauen in der Gesellschaft beschäftigt. Ein riskantes Thema in einem Staat, in dem die Taliban so großen Einfluss haben. Dennoch moderierte Siawash dazu täglich eine Sendung für Radio Watandar - bis 2015, dann musste er fliehen.

Am Mittwochabend erzählt er im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Media under Pressure: Displaced Journalism - JournalistInnen auf der Flucht“ von seinen Erlebnissen: Von der Arbeit als Journalist in Afghanistan, von seiner Flucht über die Türkei, Lesbos und Mazedonien und von dem Neuanfang in Österreich. Veranstaltet wird sie in Kooperation der Informationsstelle für Journalismus und Entwicklungspolitik (ISJE), dem Presserat, Reporter ohne Grenzen (ROG) und der FHWien der WKW.

„Hier respektiert man Journalisten. Man steckt sie nicht in Privatgefängnisse oder tötet sie mit Selbstmordanschlägen wie in Afghanistan,“ sagt Siawash im Interview mit der APA . Damit spielt damit auf einen Anschlag am 30. April 2018 in Kabul an, bei dem zehn Journalisten getötet wurden. Sie waren an den Ort einer ersten Explosion geeilt, um von dort zu berichten. Ein Selbstmordattentäter mischte sich unter die Gruppe der Reporter.

Siawash kam 2015 nach Österreich. Von Anfang an engagierte er sich als Sprachlehrer für andere Flüchtlinge, startete drei Radio-Sendungen für Radio Orange und begann, Kinder-Workshops zu den Themen Flucht und Integration beim Roten Kreuz zu geben - „fprojektXchange“ heißt das Programm. Außerdem ist er Kurator am Volkskundemuseum Wien für die Projekte „Museum auf der Flucht“ und „Die Küsten Österreichs“ und studiert Politikwissenschaft und Wirtschaftsinformatik an der Universität Wien.

Sein erster Asylbescheid war dennoch negativ. „In dem Schreiben steht, dass ich ein unglaubwürdiger Mensch bin und, dass ich ohne Probleme nach Afghanistan zurück kann,“ erzählt Siawash. Seiner Meinung nach sei das aber zu riskant, damit würde er auch seine Familie damit in Gefahr bringen, erklärt er. Nun wartet er auf das Gerichtsurteil in zweiter Instanz.

In Afghanistan hat sich seit dem Fall des Taliban-Regimes 2001 eine vielfältige Medienlandschaft entwickelt, so Reporter ohne Grenzen. Berichterstattung, die nicht im Einklang mit islamistischen Vorstellungen steht, ist allerdings nach wie vor gefährlich und wird von den weiterhin einflussreichen Taliban verfolgt. 14 Journalisten wurden seit Anfang 2018 ermordet.

Neben seiner Tätigkeit als Journalist studierte Siawash in Afghanistan Betriebswirtschaft, Journalismus sowie IT und gründete das Bildungszentrum KARA - Farsi für Effizienz -, welches sich an Frauen ohne Schulbildung richtete. Im Vordergrund stand die Alphabetisierung, nach kurzer Zeit hatte KARA mehr als 500 Schülerinnen, berichtet Siawash. Davon waren 25 als Lehrerinnen beschäftigt. „Man lernt immer am meisten, wenn man selbst unterrichtet,“ sagt er. Die Schule stand am Stadtrand, in einer Gegend von Kabul, in der viele Menschen mit niedrigem Bildungsstandard leben. Sein Vater, der sowohl bei der Nationalbank als auch beim Bildungsministerium gearbeitet hatte, war im Viertel bekannt und wurde respektiert. Das färbte auf das Bildungszentrum ab, schnell wurde es von der Gemeinschaft akzeptiert und vielen Frauen der Schulbesuch erlaubt, schildert Siawash.

Sein großes Ziel war es, KARA zu einer Universität zu entwickeln, so der Afghane. Dieses Vorhaben scheint ihm unerreichbar. „Ich glaube manchmal, dass ich nie wieder zurückkehren kann,“ sagt Siawash. Deshalb will er nun all seine Energie in viele Projekte in Österreich stecken: „Am Ende will ich wissen, dass ich wenigsten ein bisschen helfen konnte.“

(Das Interview führte Alicia Prager/APA)

~ WEB http://www.reporterohnegrenzen.at/ ~ APA026 2018-11-21/07:00




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