Letztes Update am Mi, 21.11.2018 12:30

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„Perspektivenwechsel“: Afrika-Schwerpunkt am Schauspielhaus Graz



Graz (APA) - Am Freitag hat eine ungewöhnliche Produktion im Schauspielhaus Graz ihre Uraufführung: Für „Die Revolution frisst ihre Kinder!“ recherchierte Regisseur Jan-Christoph Gockel mit seinem Team vier Wochen in Burkina Faso. Die Premiere ist Teil eines Afrika-Schwerpunktes des Hauses. Intendantin Iris Laufenberg sprach im Vorfeld mit der APA über die Hintergründe, aber auch über Kultur- und Asylpolitik.

Bei der Verleihung der Nestroy-Preise hatte das Schauspielhaus Graz kürzlich mit seiner Produktion „Böhm“ gegenüber dem ausgezeichneten Klagenfurter „Iwanow“ das Nachsehen. So bekam Laufenberg keine Gelegenheit, auf der Bühne brisante Dinge anzusprechen, die gerade in der Theaterszene für Unruhe sorgen: „Aus meiner Sicht war die Nestroy-Gala betrüblich. Ich finde es ja schön, dass es einen Bundesländer-Preis gibt, aber es ist unverständlich, dass dann nicht die Chance genützt wird, darauf hinzuweisen, was dort gerade passiert. Ich denke, niemand hat verstanden, worauf Maria Happel als Moderatorin mit ihrer Bemerkung ‚In Linz beginnt‘s‘ angespielt hat. Mein Linzer Intendanten-Kollege musste erst erfahren, dass zehn Prozent seines Etats gekürzt werden - und dann kürzlich, dass die Stadt komplett den Vertrag mit dem Theater kündigen will, und das bei einem Theater, das vor ein paar Jahren erst einen tollen großen Neubau bekommen hat... In einem politischen Ränkespiel sagt die Stadt, sie zieht sich aus der Fördervereinbarung zurück. Das ist doch gar nicht zu glauben! Da beginnt gerade etwas, das wir nicht tolerieren sollten, gegen das wir zusammenhalten müssten - auch mit Wien.“

Erst vor wenigen Wochen haben die Intendanten der Bundesländer-Bühnen die „Österreichische Intendant*innengruppe“ gegründet, um sich besser zu vernetzen. Welche Erfahrungen macht die 1966 in Köln geborene Ex-Chefin des Berliner Theatertreffens, die als Nachfolgerin von Anna Badora seit 2015/16 das Schauspielhaus Graz leitet und deren Vertrag bis zum 31. August 2023 verlängert wurde, derzeit mit der Grazer Kulturpolitik? „Ich fühle mich von der Theaterholding in Graz gestützt, bei alldem was wir machen. Für unsere Afrika-Aktivitäten habe ich mir zusätzlich Landeshauptmann Hermann Schützenhofer als Schirmherrn ausgesucht, weil in einer ehemaligen Kulturhauptstadt politisch Internationalität und Kulturvielfalt gefördert und dies auch nach außen kommuniziert werden sollte.“

Deutlich dramatischer als in der Kulturpolitik gehe es derzeit in der Asylpolitik zu, sagt Laufenberg: „Mein Mann ist in der Flüchtlingshilfe sehr aktiv. Dort gibt es ständig neue Dekrete aus Wien, die diese Arbeit erschweren. Flüchtlinge, die wir schon einige Jahre unterstützen, dürfen etwa plötzlich ihre Lehre nicht mehr fertig machen, werden zur Untätigkeit verdammt und in Angst versetzt. Da ist nichts mehr in Ordnung. Dagegen müssen wir uns vernetzen.“

Die Auseinandersetzung am Schauspielhaus Graz mit den gesellschaftlichen Umbrüchen am afrikanischen Kontinent hat vor einigen Wochen mit der erfolgreichen Uraufführung der Dramatisierung des Romans „Tram 83“ des in Graz lebenden kongolesischen Autors Fiston Mwanza Mujila begonnen und findet nun in „Die Revolution frisst ihre Kinder!“ ihre Fortsetzung. Ausgangspunkt für diese Produktion war Gockels Inszenierung „Der Auftrag: Dantons Tod“, die 2017 mit dem Nestroy-Preis für die beste Bundesländer-Aufführung ausgezeichnet wurde und Texte von Heiner Müller und Georg Büchner verwendete. Nun spielt Julia Gräfner eine Regisseurin, die mit Büchners „Dantons Tod“ nach Burkina Faso reist und dort in eine Revolution gerät.

Was wie ein frei erfundener Plot klingt, ist zumindest teilweise aus eigener Erfahrung geschöpft: „Jan-Christoph Gockel war 2014 in Burkina Faso mit der Produktion ‚Coltan-Fieber‘ bei ‚Récréâtrales‘, diesem wahnsinnig tollen Festival in Ouagadougou. Die Premiere hat an diesem Tag nicht stattfinden können, weil es eine Revolution gab - nach 27 Jahren Diktatur! Frauen sind mit Kochlöffeln zum Protestieren auf die Straße gegangen, und Gockel ist mit seinem Team mitmarschiert, mit seinem gebrochenen Mittelfinger, den er immer wieder hoch hielt. Das waren Wahnsinns-Szenen und die Erinnerung daran hat ihn nicht losgelassen.“

Also ist Gockel für die Produktion in das westafrikanische Land zurückgekehrt und hat dort erneut gearbeitet. Laufenberg sieht das als Signal, das auch in Österreich Wirkung entfalten soll. „Wenn wir mit Theatergeldern nach Afrika reisen, dann, um einen Perspektivenwechsel hinzubekommen und dieses verrückte Wir- und Nationalgefühl zu unterbrechen. Wir wollen zeigen, dass es auch ganz andere menschliche und ökonomische Perspektiven in unserer Welt gibt als in ‚unserer eigenen Kultur‘.“ Die Produktion, die im Juni 2019 auch auf dem africologneFESTIVAL in Köln gezeigt werden soll, werde „eine Mischform“ aus Fakten und Fiktion, aus Film und Theater, sagt die Intendantin: „Ich sehe die Produktion durchaus in der Tradition von Christoph Schlingensief. Auch er hatte den Ansatz: Es ist doch egal, welches Genre das hat. Es fließt alles rein.“ Fix sei jedoch, dass aus dem Projekt auch ein Film entstehen soll, mit dem Schauspielhaus Graz als Produzenten und Jan-Christoph Gockel als Regisseur. „Wir hoffen darauf, dass eine Arbeitsversion davon schon bei der ‚Diagonale‘ gezeigt werden kann.“

Am 30. November und 1. Dezember folgt die nächste Etappe der „Begegnungen mit dem afrikanischen Kontinent“. Im Rahmenprogramm zum Schwerpunkt „If you don‘t know, go know“ (eine gebräuchliche Redewendung in vielen afrikanischen Ländern, die so viel bedeutet wie: „Informier dich!“) sind Arbeiten von Künstlern aus Kinshasa, Nairobi und Dakar zu sehen.

(S E R V I C E - „Die Revolution frisst ihre Kinder!“, Regie: Jan-Christoph Gockel, Bühne und Kostüme: Julia Kurzweg, Puppenbau: Michael Pietsch, Mit Julia Gräfner, Florian Köhler, Raphael Muff, Michael Pietsch, Evamaria Salcher, Komi Mizrajim Togbonou. Uraufführung, Schauspielhaus Graz, Haus Eins, Premiere: 23. November, 19.30 Uhr, Weitere Aufführungen: 28. und 30. November, 5., 15., und 18. Dezember sowie am 4. und 17. Jänner. https://www.schauspielhaus-graz.com)

(B I L D A V I S O – Pressebilder stehen im Pressebereich von https://www.schauspielhaus-graz.com zum Download bereit.)




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