Letztes Update am Do, 22.11.2018 08:33

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Künstliches Hüftgelenk: Minimal-invasiv bei langer Haltbarkeit



Wien (APA) - Bei künstlichen Hüftgelenken geht es aktuell um eine Balance zwischen der Möglichkeit zur minimal-invasiven Implantation und einer möglichst langen Haltbarkeit. Ein internationales Team mit dem Chef der Wiener Universitätsklinik für Orthopädie und Traumatologie, Reinhard Windhager (MedUni Wien/AKH), als einzigem europäischen „Design Surgeon“ hat dafür eine neue Prothesenvariante entwickelt.

Nach einem Auftakt in Genf in der Schweiz soll das künstliche Hüftgelenke jetzt in ganz Europa verfügbar werden. Die sogenannte „Actis“-Endoprothese ist sowohl für sportliche, jüngere als auch - bedingt durch die schonende Implantation mittels eines kleinen Schnitts - für sehr alte Patienten gut geeignet, erklärte Windhager. Insgesamt gehe auch bei den künstlichen Hüftgelenken der Trend immer mehr in Richtung einer „Personalisierung“, was die Implantate betreffe.

In einer sechsjährigen Entwicklungs- und Testphase wurden in die neue Prothese mehrere Verbesserungen „eingebaut“. Bei der Implantation erfolgt nur ein kleiner Schnitt, durch den die Endoprothese mit ihrem Schaft in den Röhrenknochen des Oberschenkels eingeführt und verankert wird. „Die Premiere an unserer Klinik verlief völlig problemlos, die Ergebnisse sind exzellent“, sagte der Klinikchef. „Wir haben ein System geschaffen, bei dem die leichte Implantierbarkeit mit der notwendigen Gewährleistung der Langzeitfunktion möglichst ausbalanciert sein sollte. Eine Art ‚Kragen‘ an der Innenseite des Schaftes sorgt für möglichst perfekten Halt vom Zeitpunkt der Implantierung an. Die der Anatomie des Oberschenkelknochens besonders angepasste Form des Schaftes in drei konischen Zonen ist ein weiteres Charakteristikum.“

Der Ersatz vor allem durch Arthrose schwer geschädigter oder durch Oberschenkelhalsfrakturen zerstörter Hüftgelenke hat in den vergangenen Jahrzehnten weltweit Millionen Betroffenen wieder zu schmerzfreiem Gang oder überhaupt erst wieder zu Gehvermögen verholfen. Der Wiener Orthopäde Karl Zweymüller steuerte dazu in den 1970er-Jahre eine Entwicklung bei, die sich seither weltweit durchgesetzt hat: die ohne „Zement“ mit einem Titanschaft im Oberschenkelknochen implantier- und verankerbare Endoprothese als Vorbild für die meisten bis heute verwendeten künstlichen Hüftgelenke.

Windhager sagte dazu: „Wir konnten an unserer Klinik in einer Studie belegen, dass noch nach mehr als zwei Jahrzehnten 96 Prozent der zementlos im Oberschenkel verankerten Titan-Schäfte fix verankert und funktionstüchtig waren. Wir haben dieses schon sehr gute Produkt jetzt mit der Actis-Endoprothese weiterentwickelt und verbessert. Unsere Patienten werden immer älter. Je geringer die Belastung durch die Operation ist, desto besser. Deshalb geht man mehr und mehr dazu über, den Hüftgelenksersatz minimal-invasiv vorzunehmen.“

Bei der Einführung und Verankerung der Endoprothese in den Röhrenknochen des Oberschenkels spielt die Länge des Schaftes eine entscheidende Rolle. Bei der „Zweymüller-Endoprothese“ war er noch mindestens 125 Millimeter (bei kleinster Größe) lang. Mittlerweile gibt es für die minimal-invasive Implantierung auch ultra-kurze Endoprothesen. Doch bei diesen kann sich ein Problem mit der fixen Verankerung ergeben: sie können locker werden. Deshalb entschloss sich das Forscherteam, ein völlig neues Produkt zu entwickeln. Es wird in zwölf verschiedenen Schaftlängen von 97 bis 119 Millimetern hergestellt. „Dementsprechend ändern sich auch die übrigen Größenmaße des Schaftes. Wir wollten ein Produkt für möglichst viele Patienten schaffen, auch bei der Implantation künstlicher Hüftgelenke geht der Trend immer mehr in Richtung Personalisierung“, berichtete der Orthopäde.

Der Titanschaft ist zum Teil mit porösem Material beschichtet, das die biologische Fixierung der Endoprothese erleichtert. Im Endeffekt muss die Gelenksprothese sofort fix sein, andererseits soll die Verankerung durch das Einwandern von Zellen aus dem umgebenden Knochen dann endgültig ein „Verwachsen“ von Schaft und Knochen bringen. Das Material von Hüftgelenkskopf und Pfanne besteht heute durchwegs aus hochfestem, extrem abriebarmem Keramikmaterial. Das Wissenschafter-Team, das die neue Endoprothese entwickelt hat, bestand neben Windhager aus drei Experten aus den USA und einem aus Japan.




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