Letztes Update am Fr, 23.11.2018 08:12

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Roman „Die Unsterblichen“: Leben im Wissen um das eigene Sterbedatum



Wien (APA) - Wie nutzen wir unser Leben? Sollen wir Risiken eingehen oder auf der sicheren Seite bleiben? Wie verhalten wir uns im Spannungsfeld zwischen Erwartungen an uns und den eigenen Träumen? Mit diesen Fragen sehen sich auch die Protagonisten in Chloe Benjamins Roman „Die Unsterblichen“ konfrontiert. Allerdings kennen sie ihr exaktes Sterbedatum. Lebt man mit diesem Wissen anders?

Das Debüt der 29-jährigen Schriftstellerin aus Madison im US-Staat Wisconsin ist im Grunde ein Familienroman, wohl aber mit einer ungewöhnlichen, interessanten Ausgangskonstellation. Die vier Geschwister der Familie Gold, Varya, Klara, Daniel und Simon, suchen an einem heißen Sommertag 1969 in New York eine angebliche Wahrsagerin auf. Diese sagt den Kindern den Zeitpunkt ihres Ablebens voraus. „Und wenn ich mich ändere?“, hatte eines der Kinder die Wahrsagerin gefragt. „Die meisten Menschen ändern sich nicht“, lautete die Antwort.

Simon, der jüngste Spross, sollte sich eigentlich, da sind sich die meisten anderen Familienmitglieder einig, nach dem unerwarteten Tod des Vaters um seine Mutter kümmern. „Ich muss mein Leben leben“, widerspricht dieser, dem von dem Medium ein sehr kurzer Aufenthalt auf dieser Welt prophezeit wurde, und brennt mit 16 nach San Francisco durch. Er wird Tänzer anstatt seinen Schulabschluss zu machen. In der liberalen Stadt kann Simon offen schwul sein. Er stürzt sich in sexuelle Abenteuer, findet die große Liebe, ist endlich glücklich - bis eine neue Krankheit, später Aids genannt, dem ein Ende bereitet, genau am vorhergesagten Tag.

Auch Klara zieht wie Simon die Freiheit der Verantwortung vor, Daniel setzte auf Sicherheit, Varya auf die Wissenschaft. Die Autorin hat deren Geschichte(n) auf vier verwobene, aber chronologisch ablaufende Handlungsstränge aufgeteilt. Ein jeder wird aus der Sicht des jeweiligen Protagonisten erzählt. Benjamin schreibt in klarer Prosa mit leichtem Hang ins Melodramatische und mit viel Empathie. Geschickt wirft sie Fragen des Lebens auf, beleuchtet das Gefüge einer Familie, führt interessante Nebenfiguren ein, zeigt Schwächen und Stärken. Manchmal wäre ein bisschen weniger mehr gewesen, der eine oder andere Twist wirkt übertrieben oder nicht notwendig - vor allem in Daniels Geschichte.

„Die Unsterblichen“ wirken auf vielen Ebenen, es gibt viel zu entdecken, zu interpretieren, zu überdenken. „Kein Buch über das Sterben - sondern ein Buch, wie man leben soll“, meinte Schriftsteller Nathan Hill („Geister“). Der ist übrigens der Ehemann der talentierten Autorin.

(S E R V I C E - Chloe Benjamin: „Die Unsterblichen“, aus dem Amerikanischen von Charlotte Breuer und Norbert Möllemann, btb Verlag, 480 Seiten, 20,60 Euro)




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