Letztes Update am Fr, 23.11.2018 09:56

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Mehr klassische „Faust“-Tragödie als wildes Punk-Drama in Linz



Linz (APA) - Wild und frech, dem jungen Johann Wolfgang von Goethe des Sturm und Drang entsprechend, wollte Regisseur Harald Gebhartl den „Urfaust“ anlegen. Doch die Premiere seiner Inszenierung Donnerstagabend im Linzer Phönix Theater war mehr die klassische Tragödie „Faust“ als deren ungestüme Urfassung.

Das Thema des frühen Urfaustes - entstanden zwischen 1772 und 1775 - ist freilich das selbe wie in Faust 1 und 2: Der Gelehrte, der in den Wissenschaften nicht die Antworten auf den Sinn des Lebens findet, zaubert sich mit Mephisto einen höllischen Geist herbei und taucht in das sinnliche, geile Leben ein. Dabei trifft er auf Gretchen, das Opfer seiner leidenschaftlichen Liebe wird.

Anfangs wirkt die Inszenierung des Stoffes, mit dem sich Goethe insgesamt sechs Jahrzehnte lang auseinandersetzte, etwas unentschieden. Die derbe Sauf-Szene in Auerbachs Keller erinnert mit den Gesangseinlagen mehr an ein Musical, die Hexen in ihrer magischen, von Nebel durchwaberten Küche geraten zu klamaukhaft. Und David Fuchs als blutleerer, Kortison inhalierender Vampir kommt als armer Tropf nur mäßig originell an. Das Fragmentarische der Urfaust-Fassung, die, wie Gebhartl vor der Premiere meinte, viel Interpretationsraum zulässt, füllt er nicht aus.

Doch mit Gretchens Auftritt findet der Abend den Weg zu einer ernsthafteren Tragödie. Erst dann entfaltet Mephisto sein dämonisches Wesen. Berührend Nadine Breitfuß als verliebtes, kreuzbraves Mädchen mit geflochtenem Haarkranz, das Faust verfällt und daran zerbricht. Auch Markus Hamele überzeugt als zerrissener Gelehrter und Liebhaber.

Das Bühnenbild bleibt sehr reduziert. Nur ein Bücherturm, der sich in die Höhe windet und den Faust vergeblich bis zur Spitze zu erklimmen sucht, stellt das Studierzimmer dar. Ein großer Schaukasten mit rotem Vorhang, hinter dem sich die gute Stube der kleinbürgerlichen Gesellschaft befindet, nimmt Bezug auf jenes Stück, das Goethe inspiriert hat. Als Kind sah er Dr. Faust als Puppenspiel auf einem Jahrmarkt.

Das vom Regisseur angekündigte Punk-Drama bekam das Premierenpublikum aber nicht zu sehen. Dazu war die Inszenierung nicht angriffig genug, etwa auf Kleinbürgertum oder Kirche. Das Publikum blieb nach gut eineinhalb Stunden beim Applaus auch eher brav.

(S E R V I C E - „Urfaust“ nach Johann Wolfgang von Goethe von Harald Gebhartl, Regie: Gebhartl, Dramaturgie: Sigrid Blauensteiner, Bühne: Gerald Koppensteiner, Choreographie: Doris Jungbauer, Kostüme: Elke Gattringer, Licht: Gordana Crnko, Musik: Gilbert Handler. Mit: Nadine Breitfuß (Gretchen), David Fuchs (Mephisto), Markus Hamele (Faust). Theater Phönix, Wiener Straße 5, Großer Saal. Weitere Aufführungen: 24. bis 30. November, 1. und 2., 5. bis 9., 12. bis 14., 16., 19. bis 22. und 29. bis 31. Dezember, jeweils 19.30 Uhr, Infos unter www.theater-phoenix.at)




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