Letztes Update am Fr, 23.11.2018 10:11

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Wenn Frauen die Welt verändern: Regisseurin Agnieszka Holland wird 70



Warschau (APA/dpa) - Sie ist seit Jahrzehnten erfolgreich im Filmgeschäft und ihre Werke treffen stets den Nerv der Zeit. Zu ihrem 70. Geburtstag am Mittwoch (28. November) feiert Polens oscarnominierte Regisseurin Agnieszka Holland gleich doppelt: rundes Jubiläum und eine Premiere.

Der Eiserne Vorhang ist nie gefallen und Polen ein Polizeistaat, in dem ein Student und ein Polizist einer politischen Verschwörung nachgehen: Dieses Szenario zeichnet Polens wohl bekannteste Regisseurin in ihrem neuesten Regiewerk nach. Die Thrillerserie „1983“ ist Polens erste Eigenproduktion für den Streamingdienst Netflix und feiert nur zwei Tage nach dem runden Geburtstag der Filmemacherin Premiere. Bei der Arbeit an hochwertig produzierten Erfolgsserien ist Holland erprobt: Sie führte auch bei mehreren „House of Cards“-Folgen Regie.

In der neuen Serie wirft sie die Frage Freiheit versus Sicherheit auf, wie Holland gegenüber polnischen Medien verrät. „Es ist ein Dilemma, vor dem heute fast alle Länder stehen“, meint die Regisseurin angesichts zunehmender rechtspopulistischer Strömungen, die nach Terroranschlägen Ängste bei der Bevölkerung schüren. Filmemachen sei Politik, sagte sie der Deutschen Presse-Agentur in einem früheren Gespräch. Mit ihren Werken will Holland die Vorstellungskraft der Zuschauer erweitern und sie auf Dinge aufmerksam machen, die zuvor verborgen geblieben sind.

Damit hat die oscarnominierte Schülerin von Polens 2016 verstorbenem Meisterregisseur Andrzej Wajda sichtlich Erfolg: Hollands letzter Film „Die Spur“ erhielt bei der Berlinale 2017 für das Eröffnen neuer Perspektiven einen Preis. In dem schwarzhumorigen feministischen Umwelt-Thriller nahm sie Geschlechter-Verhältnisse aufs Korn.

Nur durch ihre Kunst zu sprechen, reicht der gebürtigen Warschauerin nicht aus. „Wenn etwas Schlechtes geschieht und man meint, etwas daran ändern zu können, sollte man sich einmischen“, sagte Holland in einem Interview. Bei Kritik an Polens umstrittener PiS-Regierung nimmt sie kein Blatt vor den Mund. Den Nationalkonservativen wird vorgeworfen, Medien und Justiz unter ihre Kontrolle gebracht zu haben. „Demokratie ist wie Luft, sie nehmen sie uns jetzt weg und bald fangen wir an, im Smog zu ersticken“, warnte Holland bei einem Anti-Regierungsprotest.

Politischer Kampf liegt ihr gewissermaßen im Blut: Hollands Mutter war während des Zweiten Weltkriegs in der polnischen Untergrundbewegung aktiv, kämpfte 1944 im Warschauer Aufstand gegen die deutsche Besatzung. Seit Jahren engagiert sich Holland im Leben und auf der Leinwand gegen Nationalismus und Antisemitismus, scheut keine Tabus. Wiederholt machte die Regisseurin, deren Großeltern väterlicherseits als polnische Juden in Auschwitz ermordet wurden, Krieg und Holocaust zum Gegenstand ihrer Filme - etwa „Hitlerjunge Salomon“ und „Der Tunnel“, die ihr beide eine Oscar-Nominierung einbrachten.

Von Beginn ihrer Karriere an arbeitete Holland, die an der Prager Filmhochschule studierte, mit den Großen des polnischen Kinos zusammen - mit Krzysztof Zanussi und Wajda, für den sie die Drehbücher für „Danton“ und „Eine Liebe in Deutschland“ schrieb. Als Drehbuchautorin war sie auch für Krzysztof Kieslowskis Film „Drei Farben - Blau“ im Einsatz. Auch bei US-Fernsehserien wie „The Wire“ und „Cold Case“ führte Holland, die in Polen und Frankreich lebt, Regie.

Für die Netflix-Produktion aus ihrer Heimat holte Holland ausschließlich polnische Regisseurinnen ins Team, auch ihre Tochter Katarzyna Adamik war mit von der Partie. Auf Frauen-Power setzt Holland auch in der Politik. Polnische Frauen hätten ihr Wirken und ihre Erfolge lange in den Schatten der Männern gestellt, sagte sie in einer Diskussionsrunde im TV und appellierte: „Ich hoffe auf ein Erwachen der Frauen.“

Sie hätten eine andere Perspektive und etwas andere Prioritäten, meinte Holland. Frauen würden Projekte und Gemeinwohl ähnlich wie ein neugeborenes Kind an erste Stelle setzen, statt sich narzisstisch selbst zu beweisen. „Wenn etwas in Zukunft die Welt wieder in richtige Bahnen lenken kann, dann werden es Frauen sein“, sagte sie. „Frauen werden die Welt verändern.“ Davon ist Holland überzeugt.




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