Letztes Update am Fr, 23.11.2018 10:18

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Starker Rückenwind für Abtreibungsgegner in Verona



Verona (APA/dpa) - Verona gilt als Stadt der Liebe. Jetzt will sie auch die Stadt des Lebens sein. Abtreibungsgegner haben hier besonders starken Rückenwind. Frauenrechtler sind entsetzt.

Federico Sboarina blickt von seinem Büro im Rathaus aus jeden Tag auf den Ort, wegen dessen jährlich Millionen von Touristen nach Verona kommen. Über das antike römische Amphitheater ziehen rosa gefärbte Wolken. Derzeit steht die Stadt von Romeo und Julia allerdings in einem alles andere als romantischen Licht. Seit der Gemeinderat einen Antrag zur Förderungen von Initiativen gegen Abtreibung genehmigt hat, begreift sich Verona als Stadt des Lebens. Kritiker sehen darin eine Rückkehr ins Mittelalter.

Wer glaube, dass Verona zu einem Ort der Intoleranz geworden sei oder Frauen, die sich für eine Abtreibung entscheiden, stigmatisiert werden, täusche sich, sagt Bürgermeister Sboarina. „Wir wollen Mütter helfen, eine informierte Wahl zu treffen, ob sie ein Baby haben wollen oder nicht.“

Am 40. Jahrestag der Legalisierung der Abtreibung in Italien brachte der Gemeinderat den Beschluss auf den Weg, der es aus Sicht von Frauenrechtsorganisationen zumindest in Verona noch schwerer machen wird, eine Abtreibung durchzuführen. In dem überwiegend katholischen Italien ist der Schwangerschaftsabbruch ohnehin ein Tabu, es gehört dem italienischen Gesundheitsministerium zufolge zu den westlichen Ländern mit der geringsten Abtreibungsquote. Rund 70 Prozent der Gynäkologen verweigern Abtreibungen aus moralischen oder aus Karriere-Gründen.

Abtreiben können Frauen in Italien bis zum 90. Tag der Schwangerschaft nach einem Beratungsgespräch. Ein späterer Schwangerschaftsabbruch ist nur möglich, wenn das Leben der werdenden Mutter gefährdet oder der Fötus schwere Missbildungen zeigt. Das Gesetz erlaubt Ärzten aber eben auch, Abtreibungen aus religiösen oder ethnischen Gründen zu verweigern.

In Italien ist es der Aufschwung rechter Politiker, mit dem das Thema wieder an Fahrt gewinnt. Im Familienministerium sitzt mit Lorenzo Fontana ein bekennender Katholik, der die traditionelle Familie in Gefahr sieht und Abtreibungsgegner ist. Seine rechte Lega-Partei hatte den Vorstoß in Verona gemacht, über den er sagte: „Ich sehe daran nichts Skandalöses.“ Dass Äußerungen von Papst Franziskus, der Abtreibungen kürzlich mit einem Auftragsmord verglich, in Italien keinen großen Aufschrei auslösen, verwundert da nicht.

Der Europarat rügte Italien bereits mehrfach, weil er das Recht der Frau auf eine Abtreibung gefährdet sah. „In Italien ist es für viele Frauen unmöglich, einen Arzt oder ein Krankenhaus zu finden, das ihnen die legale Abtreibung ermöglicht, obwohl sie darauf ein Recht haben“, hieß es in einem Bericht des Rates. Aus demselben Grund appellierte im vergangenen Jahr auch der UN-Menschenrechtsausschuss an die italienische Regierung, dringend Maßnahmen zu ergreifen, die das Recht auf eine legale Abtreibung garantieren.

In Verona protestierten nun Feministen, zogen als Mägde verkleidet ins Rathaus. Sie trafen bei vielen einen Nerv, spielten sie mit der Verkleidung auf die TV-Serie „The Handsmaid‘s Tale“ an, das ein Bild der Zukunft entwirft, in der Frauen lediglich kindergebärende Sklaven sind. „Es scheint, als wären sie in Verona zurück ins Mittelalter gegangen“, schrieb der Parlamentarier Mattia Fantinati auf Facebook.

„Die Resonanz, die wir bekommen haben, ist weit über das hinausgegangen, was wir uns von dem Protest erhofft hatten“, sagt Valeria, die Mitglied der feministischen Gruppe Non Una Di Meno ist.

Den Aktivisten zufolge weht nicht nur in Verona der Wind katholischer Fundamentalisten, die darauf abzielen, Menschenrechtsreformen der vergangenen 40 Jahre rückgängig zu machen. „Die Freiheit, über unseren Körper und unsere Leben zu entscheiden, wird zunehmend durch fundamentalistische Kampagnen zur Kriminalisierung der Abtreibung attackiert, welche heute in allen Teilen der Welt und auch in Regierungen Platz finden“, heißt es in einem Aufruf der Gruppe zu einer Demonstration, die an diesem Samstag in Rom stattfinden soll.

Ist Verona im Ausland vor allem wegen seiner Oper und Romeo und Julia bekannt, war die Stadt nach Ansicht der Journalistin Giulia Siviero schon immer Hort ultra-konservativer Politiker. 1943 wählte Diktator Benito Mussolini Verona für die Neugründung seiner faschistischen Partei aus.

Bürgermeister Sboarina und seine Verbündeten beteuern, dass sie nichts getan haben, was das nationale Abtreibungsgesetz in Frage stellen würde, sondern dass sie lediglich lokale Behörden in der Beratung stärker unterstützen wollen. „Es ist nicht so, dass wir (den Frauen, die zu uns kommen) sagen: „Hier hast du 1.000 Euro und im Gegenzug behältst du dein Baby““, sagt Sozialarbeiterin Giuseppina Boateng, die bei einem Anti-Abtreibungs-Zentrum arbeitet, das finanziell gefördert werden soll. Ihre Aufgabe sei nicht, Frauen von der Abtreibung abzuhalten. „Frauen müssen Mütter werden wollen, wir können das nicht von ihnen erzwingen.“




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