Letztes Update am Fr, 23.11.2018 14:15

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Book‘n‘Grill: Sorokins „Manaraga“, das „Tagebuch eines Meisterkochs“



Wien (APA) - „Bücher zum Verschlingen“ hat die aktuelle Ausgabe der deutschen Wochenzeitung „Die Zeit“ auf dem Titelblatt, mit einem appetitlich angerichteten Buch samt Schlagobershäubchen, Schokostreusel und Cocktailkirsche. In „Manaraga. Tagebuch eines Meisterkochs“, dem neuen Roman von Vladimir Sorokin, werden dagegen Bücher unter den Grill gelegt: Sie dienen bei dekadenten Dinners als Brennmaterial.

Schauermärchen aus der nahen Zukunft sind die Spezialität des 63-jährigen Russen, der seine aus dem Befund der politischen und gesellschaftlichen Gegenwart befeuerten Dystopien stets mit Zutaten aus Science-Fiction und Horror-Roman würzt: Die Brutalität eines neuen Mittelalters, gepaart mit den künftigen technischen Errungenschaften des fortgeschrittenen 21. Jahrhunderts. Auch diesmal, wenn Sorokin ins Jahr 2037 entführt, regieren nach großen Kriegen und salafistischen Revolutionen entweder neue Monarchien oder verbrecherische Clans die Menschen, die ihre elektronische Hilfsmittel nicht mehr tragen und wischen, sondern gleich eingepflanzt haben. Sie heißen Flöhe. Protagonist Geza hat gleich drei davon.

Eingepflanzt hinters Ohr, unter die Haut und ins Kleinhirn sind seine Flöhe für Sicherheit, Terminplanung, Wissen und Gefühle verantwortlich. Geza ist nämlich vielbeschäftigt, ohne festen Wohnsitz und ständig auf Achse. Er ist Meisterkoch und Vielleser. Im Jahr 2037 bedeutet lesen: verbrennen. Die Meisterwerke der Weltliteratur dienen - vorzugsweise als Erstausgaben - einem kleinen Kreis von Köchen als Zunder für ausgeklügelte Speisefolgen: Kalbslunge auf „Zauberberg“, Christusfisch-Filet auf „Alter Mann und das Meer“, halb gares Schwein auf „Schwejk“, Schnitzel auf Schnitzler oder „Thunfischsteak“ auf „Moby Dick“. Geza ist auf die großen russischen Klassiker spezialisiert: Stör-Schaschlik auf Dostojewskis „Der Idiot“ oder Seeteufelsteak auf Platonows „Tschewengur“.

Book‘n‘Grill ist ein sehr teures Vergnügen und ein sehr einträgliches Geschäft. Denn es ist streng verboten - auch, weil die Beschaffung des teuren Brennmaterials nicht selten Tote kostet. Daher ist „Manaraga“ nicht nur ein düsterer Zukunftsblick, der die politisch oder religiös begründeten Bücherverbrennungen von einst weitertreibt und nochmals pervertiert, sondern auch ein Thriller. Die Krimihandlung kommt allerdings erst recht spät in Schwung. Bis dahin hat man sich schon fast satt gelesen an ausgiebigen Beschreibungen erlesener Menüfolgen, dekadenter Kunden und seitenlanger Beispiele zeitgenössischer Literatur des mittleren 21. Jahrhunderts, die nicht mehr gedruckt, sondern ausschließlich digital verbreitet wird, und die dem Leser rasch auf den Magen schlägt.

Erst nach der Hälfte des Romans kommt der titelgebende 1.662 Meter hohe Berggipfel im Ural ins Spiel, wo ein Umsturz vorbereitet wird, der die Buch- und die Essenskultur auf den Kopf stellt. Da taucht dann auch endlich Lenin auf. Zu diesem Zeitpunkt ist dem zeitweise brutal außer Gefecht gesetzte Meisterkoch auch wieder ein neuer Floh im Ohr gesetzt. Der weiß dann: „Lenin, soso ... Bedeutender russischer Revolutionär, Mörder des Zaren Nikolaus II., Erbauer der UdSSR, Autor von ‚Staat und Revolution‘.“

Aus seiner eigenen Produktion empfiehlt Sorokin übrigens im „Standard“-Interview seinen „Roman“, ein sehr dickes Buch, bestens geeignet für die klassische russische Kohlsuppe. Mahlzeit!

(S E R V I C E - Vladimir Sorokin: „Manaraga. Tagebuch eines Meisterkochs“, Aus dem Russischen von Andreas Tretner, Kiepenheuer & Witsch, 256 Seiten, 20,60 Euro)




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