Letztes Update am Sa, 24.11.2018 11:25

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Revolution als Reisebericht: Afrika-Abend am Schauspielhaus Graz



Graz/Ouagadougou (APA) - Es ist eine Grunderfahrung des Reisens: Ist man unterwegs, lernt man mindestens ebenso viel über sich selbst wie über jene Länder und Menschen, denen man neu begegnet. Ganz ähnlich scheint es dem Team des Schauspielhaus Graz ergangen zu sein, das für „Die Revolution frisst ihre Kinder!“ vier Wochen in Burkina Faso recherchierte. Eine mutige, nicht gänzlich geglückte Hinterfragung von Perspektiven.

Die für den zweieinhalbstündigen Abend gewählte Darstellungsform schwankt zwischen Fake-Doku und Making-of. Im Wechsel von Filmaufnahmen und Spielszenen sieht man die Truppe rund um „Regisseurin“ Julia Gräfner sich über einen (im Vorjahr tatsächlich erhaltenen) Nestroy-Preis für die Produktion „Der Auftrag: Dantons Tod“ freuen und Pläne schmieden, für eine Folgeproduktion nach Burkina Faso zu reisen. Man verfolgt Zweifel und Aufbruchsstimmung, Streitigkeiten im Team, mühsame erste Konzeptionsproben und gönnerhafte Unterstützung durch die Direktion. Theateralltag rund um ein ungewöhnliches Projekt, von dem dann auch die typischen Reisereportagebilder zu sehen sind: Aufbruch, Abflug und Ankunft in einer fremden Welt. In Ouagadougou. So weit, so unaufregend.

Ungleich aufregender dürften die Tage gewesen sein, die Regisseur Jan-Christoph Gockel 2014 in Burkina Faso erlebt hatte, und die ihn nun für diese Arbeit inspirierten: Seine Produktion „Coltan-Fieber“ konnte damals nicht wie geplant Premiere haben, da just am selben Tag eine friedliche Revolution den Diktator Blaise Compaore, der nach 27 Jahren von der Herrschaft noch immer nicht genug hatte und dafür die Verfassung ändern wollte, aus Amt und Land vertrieb. Im Schauspielhaus Graz sieht man eindrucksvolle Videoaufnahmen der damaligen Proteste, bei denen die Frauen wütend ihre Kochlöffel schwangen, und Interviews mit mutigen Sprechern der Protestbewegung, die sich „Bürger-Besen“ nannte. Und man sieht den Diktator als Puppe vom Darsteller des Robespierre tröstend in den Arm genommen werden. „Diese blöde Demokratie!“, jammert er mit kindlicher, weinerlicher Stimme.

Das Team um Real-Regisseur Gockel und Fake-Regisseurin Gräfner hat sich aber auch mit Verwandten und Gefolgsleuten des 1987 mutmaßlich auf Befehl Compaores ermordeten Vorgängers Thomas Sankara, des „afrikanischen Che Guevara“, getroffen, der ebenfalls als (von Puppenspieler und -bauer Michael Pietsch mit örtlichen Schnitzern vor Ort gefertigten) Puppe mitspielt. Spätestens ab da wird‘s ein bisschen kompliziert und ist es ratsam, die jüngere Landesgeschichte der einstigen französischen Kolonie Obervolta vorab ein wenig studiert zu haben.

Es ist eine grundsätzlich sympathische Unternehmung, deren Geschicke man da verfolgt, und in die viel Selbstkritik und ein wenig Verehrung für Christoph Schlingensief, dessen Operndorf unweit von Ouagadougou steht, einfließt. Puppenspiel, Schauspiel und Film (eine echtes Filmprojekt ist ebenfalls im Entstehen) mischen sich problemlos, packende Theaterszenen sind jedoch Mangelware. In der Beschäftigung mit sich selbst, mit den eigenen Haltungen als Künstler, als kritischer Bürger, als weißer Europäer, verliert man die große Perspektive aus den Augen: Das grundsätzliche Problem, nämlich Ausbeutung und Einflussnahme auf dem afrikanischen Kontinent, und eine in die Zukunft gerichtete globale Haltung dazu, wird höchstens angetippt, aber nicht in dramatisches Bühnengeschehen umgesetzt.

Immerhin: Das Schauspielhaus Graz hat die afrikanische Redewendung „If you don‘t know, go know“, die so viel bedeutet wie: „Informier dich!“, ernst genommen, ist rausgegangen und hat seine Perspektiven erweitert. Ein erster Schritt. Ein wichtiger Schritt, der zu recht viel Applaus erhielt.

(S E R V I C E - „Die Revolution frisst ihre Kinder!“, Regie: Jan-Christoph Gockel, Bühne und Kostüme: Julia Kurzweg, Puppenbau: Michael Pietsch, Mit Julia Gräfner, Florian Köhler, Raphael Muff, Michael Pietsch, Evamaria Salcher, Komi Mizrajim Togbonou. Uraufführung, Schauspielhaus Graz, Haus Eins, Weitere Aufführungen: 28. und 30. November, 5., 15., und 18. Dezember sowie am 4. und 17. Jänner. www.schauspielhaus-graz.com)

(B I L D A V I S O – Pressebilder stehen im Pressebereich von https://www.schauspielhaus-graz.com zum Download bereit.)




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