Letztes Update am Sa, 24.11.2018 16:19

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Brexit - Wut und Frust am Affenfelsen: Alle Blicke auf Gibraltar



London/Brüssel/Gibraltar (APA/dpa) - Viel zu klagen haben die gut 33.000 Bewohner von Gibraltar eigentlich nicht. Mit einem im vorigen Jahr noch mal um neun Prozent gestiegenen Pro-Kopf-Einkommen von umgerechnet 73.500 Euro gehört das kleine britische Überseeterritorium am Südzipfel Spaniens zu den reichsten Gebieten der Erde.

Man zahlt zudem wenig Steuern und hat Strände, die man auch dieser Tage kurz vor Wintereinbruch bei Temperaturen von knapp 20 Grad genießen kann. Das Leben ist schön am Affenfelsen, dem 426 Meter hohen Kalkstein-Monolithen mit der traumhaften Aussicht. Besser gesagt: War schön. Denn der Brexit weckt hier immer mehr Wut, Frust und Zukunftsangst.

Die Stimmung sei auf der Halbinsel derzeit alles andere als gut, sagte Regierungssprecher Miguel Vermehren am Samstag im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa. „Es herrscht zur Zeit große Ungewissheit.“ Dafür sorgt auch die im letzten Moment abgewendete Drohung Spaniens, den Vertrag über den britischen EU-Austritt zu torpedieren. Die Spanier erheben seit drei Jahrhunderten Ansprüche auf das Gebiet, das 1713 im Rahmen des „Friedens von Utrecht“ an die Briten abgetreten wurde. Und sie können die Gunst der Brexit-Stunde ausnutzen, um Druck zu machen.

Der „Chronicle“, das wichtigste Blatt Gibraltars, drückt in großen Lettern die Enttäuschung darüber aus, dass die sozialistische Regierung in Madrid auch unter dem Druck der konservativen Opposition einen härteren Kurs einschlägt: „Spanien wird immer Spanien bleiben.“ „Es ist eine Schande. Der Brexit ist wie ein schwarzes Loch, das uns die ganze Energie absaugt, und zu welchem Zweck? Ich glaube, dass für mich und für Gibraltar nichts Gutes dabei herauskommen wird“, sagte die Parlamentsabgeordnete Julie Girling jüngst dem „Chronicle“.

Durch den Brexit erhofft man sich in Madrid wohl eine Schwächung des britischen Widerstandes, über den Souveränitätsstatus Gibraltars zu reden. Die „Gibraltarians“ wollen unterdessen nicht im Traum an die Möglichkeit denken, dass sie spanisch werden könnten. Man befürchtet eine schnelle Verarmung und Zustände wie in der andalusischen Nachbargemeinde La Linea, wo die Arbeitslosigkeit bei rund 35 Prozent liegt und der Drogenhandel blüht.

Doch wieso geht es der Landzunge so gut? Erdöl gibt es im British Oversea Territory nicht einen Tropfen. Und auch sonst findet man hier keine Bodenschätze, über die man sich streiten könnte. Das Gebiet, mit 6,8 Quadratkilometern etwa so groß wie der 18. Wiener Gemeindebezirk Währing, verdankt seinen Wohlstand den niedrigen Steuersätzen. Diese haben unzählige Unternehmen hierher gelockt. Vor allem jene des Finanzsektors und des Online-Glückspiels.

Außerdem kommen jedes Jahr rund sieben Millionen Touristen auf die Halbinsel, um den Upper-Rock-Felsen mit den rund 300 Berber-Affen zu sehen, die Shoppingmeile Main Street entlang zu schlendern, in den vielen Pubs mit zum Teil selbstproduziertem Alkohol und den teuren Juwelierläden Geld zu lassen und Delfine zu beobachten.

Auf der Main Street hört man wegen der Pendler und Touristen aus dem Nachbarland oft mehr Spanisch als Englisch. Es werden Fish and Chips, aber auch Tapas serviert. Es gibt britische Telefonzellen und unter den Palmen sorgen „Bobbies“ für Recht und Ordnung. Es gibt Vollbeschäftigung und praktisch keine Gewaltkriminalität.

Doch die Idylle bekommt Risse. Zwar glaubt niemand in Gibraltar, dass London die Souveränität über das Gebiet aufgeben wird. Das bekräftigte dieser Tage auch Premierministerin Theresa May. Und Gibraltars Chief Minister Fabian Picardo, ein 46-jähriger Anwalt, versicherte einmal, man werde „auch nicht in 4000 Jahren“ zu Spanien gehören.

Doch es gibt andere Angst einflößende Szenarien. Zum Beispiel, dass Gibraltar von künftigen Vereinbarungen zwischen der EU, Spanien und London ausgeschlossen wird und der Zugang zur EU nach der im Dezember 2020 endenden Übergangsphase beschränkt wird. Oder dass Spanien sogar die Grenze völlig schließt, wie das bereits 1969 geschehen war. Erst 16 Jahre später, unter der britischen Drohung, den spanischen EG-Beitritt zu blockieren, der dann im Jahr 1986 erfolgte, war die Grenze wieder geöffnet worden.

„Eine Grenzschließung wäre eine schreckliche Strafe für die Menschen, die beim Referendum mit 96 Prozent gegen den Brexit gestimmt haben“, sagt Vermehren. Großen Schaden würden aber auch die 15.000 spanischen Pendler abbekommen, die in Gibraltar arbeiten, rund 40 Prozent aller Arbeitskräfte stellen und in die Erwerbslosigkeit stürzen würden. Auch die vielen spanischen Firmen, die von Gibraltar abhängen, würden in Mitleidenschaft gezogen werden, so der Sprecher. Weniger vornehm drückte sich am Samstag in Gibraltar ein seit vielen Jahren dort lebender Inder im Gespräch mit einem deutschen Fotografen aus: „Spanien würde tief in die Scheiße geraten.“




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