Letztes Update am Sa, 24.11.2018 16:22

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


SPÖ: Rendi-Wagner - Neue Rote Rackerin



Wien (APA) - Die heutige Wahl von Pamela Rendi-Wagner zur SPÖ-Vorsitzenden ist nichts alltägliches. Zunächst ist die 47-Jährige die erste Frau in dieser Position und zweitens gerade einmal seit gut 1,5 Jahren Parteimitglied. Um Sebastian Kurz bei der Wahl in vier Jahren ernsthaft herausfordern zu können, wird die studierte Ärztin wohl noch Zeit zur Eingewöhnung in ihrer neuen Rolle brauchen.

Denn ihr Start als SPÖ-Chefin verlief eher holprig, was nach dem Chaos rund um den zu diesem Zeitpunkt unerwarteten Rückzug von Christian Kern freilich nicht allzu sehr verwundert. Mit der Zusammenstellung ihres Teams verärgerte Rendi-Wagner jedenfalls gleich einmal die steirische Landespartei, bei den Wienern und Burgenländern galt sie ohnehin nicht als Wunschkandidatin. Ihren Förderer, Kärntens Landeshauptmann Peter Kaiser, vergraulte sie dann auch noch mit der Listenerstellung für die EU-Wahl. Zu guter Letzt ist das Krisenmanagement im Zusammenhang mit dem Sexismus-Sager des neuen Tiroler Vorsitzenden Georg Dornauer parteiintern nicht unumstritten.

Auch wenn sich beim Parteitag angesichts der schwierigen Lage insgesamt alle mit besserer Stimmung als vielleicht im Vorfeld erwartet um die Parteichefin scharen, hat Rendi-Wagner in den ersten Monaten einiges an Porzellan zerschlagen, wofür die Verantwortung allerdings manche weniger ihr als ihrem Vertrauensmann Thomas Drozda zuweisen. Dass die neue Chefin mit dem Bundesgeschäftsführer ein weiteres Signal in Richtung eher elitärer, links-liberaler Wähler ausgesandt hat, findet ohnehin nicht jeder in der Partei schlau.

Fehlende Bodenhaftung ist eigentlich nichts, was Rendi-Wagners Herkunft andeuten würde. Geboren mit dem Erstnamen Joy wuchs die heute Pam genannte SPÖ-Chefin im Arbeiterbezirk Wien-Favoriten auf, lebte nicht allzu begütert im Gemeindebau und startete von dort eine Bilderbuch-Karriere. Die „kleine Streberin“, wie sie sich selbst jüngst schilderte, marschierte mit besten Noten durch die Schule, wobei sie das selbe Gymnasium wie später Kanzler Kurz absolvierte. Daran anschließend ging es an die Uni, wo sie mit Mitte zwanzig in Medizin promovierte. Die Facharztausbildung absolvierte sie in London.

Rendi-Wagner ist Expertin für Impf-Prävention, Reisemedizin und Infektionsepidemiologie und arbeitete über zehn Jahre wissenschaftlich am Institut für Tropenmedizin der Medizinischen Uni Wien. Danach verbrachte die Mutter von zwei Töchtern einige Jahre in Israel, wo sie als Gastprofessorin an der Universität Tel Aviv wirkte. Ihr Mann Michael Rendi war dort österreichischer Botschafter, später dann in Wien Kabinettschef Drozdas, als dieser unter Kern als Kanzleramtsminister diente.

Zu diesem Zeitpunkt war Rendi-Wagner längst zur Spitzenbeamtin aufgestiegen. Als Generaldirektorin für die öffentliche Gesundheit war die eloquente Expertin immer wieder öffentlich ausgerückt, um bei Gesundheitsfragen aller Art den jeweiligen Ressortchefs Fachwissen zuzuliefern. Nach dem Tod von Gesundheits- und Frauenministerin Sabine Oberhauser war Rendi-Wagner die logische Nachfolgerin, auch wenn die Frauenorganisation zunächst intern die Nase rümpfte, dass gerade eine Quereinsteigerin die Frauenagenden übernehmen durfte.

Viel Zeit sich zu bewähren, hatte Rendi-Wagner nicht, rief doch Kurz rasch zur Neuwahl. Der insgesamt bescheidene SPÖ-Wahlkampf hatte für die Neueinsteigerin auch seine Vorteile. Vor allem die eigene Partei war überrascht davon, mit wie viel Verve und ohne Scheu vor Bürgerkontakt sich Rendi-Wagner in die Schlacht warf. Die SPÖ meinte einen neuen Star gefunden zu haben und dankte ihr auch, dass sie nach der Wahl auf einen gut dotierten Posten im medizinischen Bereich verzichtete und lieber im Parlament Oppositionsarbeit lieferte, wobei sie Glück hatte, dass mit dem aufgehobenen Rauchverbot in der Gastronomie rasch ein Thema hochkam, das in ihren Fachbereich hineinspielte.

Besonders auffällig war Rendi-Wagners Performance trotzdem nicht. Wenn es nicht gerade um Gesundheit ging, sonderte sie meistens eher Stehsätze ab. Als sie die Partei wohl auch mangels Alternativen dem Kern-Wunsch entsprechend zur Vorsitzenden designierte, konnte sie zunächst noch nicht so recht klar machen, wofür sie steht. Überhaupt konnte man den Eindruck gewinnen, dass Rendi-Wagner zumindest bis zu ihrer Wahl nicht unbedingt das Licht der Öffentlichkeit suchte.

Zumindest eines scheint klar: Sie will sich von ihrem vormaligen Förderer Kern abkoppeln. Dass sie jüngst meinte, sie wisse nicht, ob ihrem Vorgänger für den Parteitag nicht noch ein Schnupfen in die Quere komme, war nicht unbedingt ein Ausdruck von Loyalität. Andererseits dankte sie ihm am Parteitag auf offener Bühne für die Chance, die er ihr gegeben hatte.

Rendi-Wagners Eignungstest für ihren neuen Posten beginnt spätestens mit Montag so richtig. Bis zur nächsten Nationalratswahl sind es noch fast vier Jahre, und sie ist intelligent und ehrgeizig genug, dass man ihr zutrauen kann, politische Defizite bis dahin beseitigt zu haben. Immerhin stellt sie als moderne berufstätige Frau mit Familie eine Gegenerzählung zu den gegenwärtigen Regierungsspitzen dar. Um reüssieren zu können, wird Rendi-Wagner aber eine geeinte Partei brauchen. Dies herzustellen könnte eine genauso harte Aufgabe werden wie die Auseinandersetzung mit der Regierung. Eines kann man ihr nach ihrer bisherigen Performance wohl glauben: sie wird, wie heute versprochen, schuften, rackern und rennen, um Österreichs erste Bundeskanzlerin zu werden.

Zur Person: Joy Pamela Rendi-Wagner, geboren am 7. Mai 1971 in Wien, verheiratet mit dem Diplomaten Michael Rendi, zwei Töchter, 1996 Promotion an der Medizinischen Universität Wien, Facharztausbildung in London, wissenschaftliche Arbeit am Institut für Tropenmedizin der Med-Uni Wien, 2008 Habilitation, Gastprofessur an der Universität Tel Aviv, ab 1. März 2011 Sektionschefin und Generaldirektorin für die öffentliche Gesundheit im Gesundheitsministerium, ab 8. März 2017 Gesundheits- und Frauenministerin, seit der Regierungsbildung von ÖVP und FPÖ Abgeordnete zum Nationalrat und Gesundheitssprecherin der SPÖ. Seit 25. September geschäftsführende Vorsitzende der SPÖ.

~ WEB http://www.spoe.at ~ APA271 2018-11-24/16:18




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