Letztes Update am So, 25.11.2018 20:55

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Sarajevo: Neue politische Bewegung startet mit Motto „Bosnia First“



Sarajevo (APA) - Auf dem Gründungskongress der politischen Bewegung „Platforma za progres“ in Sarajevo herrscht Aufbruchsstimmung. „Wir werden das System verändern,“ sagt Mirsad Hadzikadic in seiner Eröffnungsrede am Sonntag von Bosnien und Herzegowina. Der Informatik-Professor der UNC Charlotte in den USA will frischen Wind in die festgefahrene Politik des Landes bringen.

Die Konzerthalle Dom Mladih ist am bosnischen Staatsfeiertag (25.11.) bis zum letzten Platz gefüllt, viele weitere Unterstützer der Bewegung versuchen, von den Seiten einen Blick auf die Bühne zu erhaschen. „Diese Bewegung gibt mir Hoffnung, dass sich in diesem Land doch etwas verändern kann,“ sagt Sebila Zimic, eine Studentin, die bei der Organisation der heutigen Veranstaltung mithilft.

Hadzikadic, der bereits bei der Präsidentschaftswahl am 7. Oktober angetreten ist, emigrierte 1984 in die USA, viele Jahre bevor der Krieg der 90er im Land tobte. Seine Fans meinen, er sei daher weniger beeinflusst von den ethnischen Spannungen zwischen Serben, Kroaten und Bosniaken. Diese Rhetorik passt zu seinem Motto, das er aus den USA mitgebracht hat: Dieses lautet „Bosnia First“, seine Bewegung will sich an alle drei Volksgruppen richten.

Im bosnischen Kontext ist das kein Leichtes. Seit der Krieg durch den Dayton-Vertrag 1995 beendet wurde, werden politische Ämter in erster Linie entlang der ethnischen Linien vergeben. Dazu ist das Land in zwei Entitäten gespalten: Die mehrheitlich serbische Republika Srpska und die Föderation von Bosnien und Herzegowina, wo vor allem Bosniaken und Kroaten leben. Regiert werden die beiden Hälften von einem drei-köpfigen Präsidium, das die Gruppen repräsentieren soll. Zur Wahl für ein Präsidentenamt kann sich nur eine Person aufstellen lassen, die einer der drei Ethnien zugerechnet wird. Diese treten dann über separate Wahlliste an. Hadzikadic kandidierte für die Bosniaken.

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Doch genau von dieser Spaltung will sich der frisch gebackene Politiker distanzieren. „Dass ich über die bosniakische Liste antrete, heißt nicht, dass ich dieses System akzeptiere,“ sagte er im Interview mit der APA vor dem Kongress. Es wird sehr schwer werden, in näherer Zukunft etwas zu verändern, sagte Hadzikadic: „Aber irgendwo muss man anfangen, der Frust mit der Politik wächst und wächst.“

In den Präsidentschaftswahlen konnte er so immerhin knapp 10 Prozent der bosnischen Stimmen für sich verbuchen, es entstand ein regelrechter Hype um den Rückkehrer. Hadzikadic, der erst dieses Jahr in die Politik eingestiegen ist, zählt rund 100.000 Unterstützer im In- und Ausland. Viele sind jedoch skeptisch: „Das ist eine gute Sache, aber es ist ein bisschen wie ein Tropfen auf einen heißen Stein,“ sagte Haris Dedovic, ein junger Journalist aus Sarajevo. Solange das politische System so aufgebaut ist, wie es heute ist, gibt es wenig Spielraum für neue Initiativen, sagte er.

Reformen müssen von allen drei Gruppen getragen werden, oft mangelt es an Kompromissbereitschaft. „Das Land ist wie ein dreibeiniger Stuhl, wenn ein Bein weg ist, fällt alles. Das führt zu politischem Stillstand,“ sagte Damir Kapidzic, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Sarajevo, zur APA.

„Platforma za progres“ will dieses System aufmischen und innerhalb von einem Jahr lokale Organisationen im Land gründen sowie Kandidaten für verschiedene Positionen aufstellen. Heute fiel der Startschuss für die Vorbereitungen für die Lokalwahlen in zwei Jahren und die landesweiten Wahlen in vier Jahren.

„Ich sehe Bosnien als ein Beispiel für einen weltweiten Trend: Es ist ein sehr diverses Land, wo verschiedene Religionen und Volksgruppen nahe zusammenleben,“ sagte Hadzikadic. Man müsse lernen, von der Diversität zu profitieren.

In den USA arbeitet der Wissenschafter mit der automatisierten Simulation komplexer Systeme, vor allem im Bereich von sozialem Wandel. Dazu werden viele Einheiten mit verschiedenen Charakteristika programmiert, die man dann miteinander interagieren lässt. So sollen Wege gefunden werden, um sozialen Wandel besser zu verstehen oder vorauszusagen. Zurück in Bosnien und Herzegowina will Hadzikadic seine Forschung fortsetzen und anwenden.

„Die Kraft eines jeden Systems liegt in der Interaktion, Nationalisten haben das verstanden. Sie wissen, dass sie die Menschen trennen und kleinere Gruppen schaffen müssen, um die Masse kontrollierbar zu machen,“ sagte Hadzikadic. Seine Mission sei es nun, die Menschen aufzuwecken. Er sei es leid, immer zu hören, wie sich Bosnier über die Korruption und den Stillstand im Land beklagen, während sie selbst nichts tun, um etwas daran zu ändern, fügte er hinzu.

Die Menschen auf dem Gründungskongress von „Platforma zu progres“ sind unterdessen euphorisch. „Ich mochte Politik vorher nicht, aber jetzt werde ich mich in der Jugendorganisation von Platforma za progres engagieren,“ so Armin Papovic, der Wirtschaft studiert. Nun könne er sich zum ersten Mal eine Zukunft im Land vorstellen.




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