Letztes Update am Fr, 07.12.2018 06:04

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Die Angst vorm toten Diktator: Franco-Zeit holt Spanien wieder ein



Madrid (APA/dpa) - Mit zusammengekniffenem Mund und traurigen Augen blickt Carmen Arnal auf die menschlichen Skelette unten in der Grube. „Das ist für mich sehr aufwühlend“, sagt die Rentnerin auf dem Friedhof San Jose in Castellon. Für sie, aber auch viele andere in der Stadt im Osten Spaniens, für Angehörige, Menschenrechtler, Historiker.

Erst jetzt, 43 Jahre nach dem Tod von Diktator Francisco Franco (1892-1975) und dem Ende der Gewaltherrschaft, werden in diesen Tagen hier die ersten Überreste von Regimegegnern exhumiert, die von den Franco-Schergen in Castellon und anderswo getötet und oft anonym und achtlos in Massengräbern verscharrt wurden, ohne dass die Familie von der letzten Ruhestätte erfuhr. Allein im San Jose sollen mehr als 970 „Antifranquisten“ liegen.

Unter den ersten Exhumierten ist Carmen Arnals Opa Rafael Prades. Der Tischler wurde 1939 wenige Monate nach Ende des Bürgerkrieges ohne Gerichtsverfahren und Verurteilung hingerichtet. Vor den Augen seiner damals 13-jährigen Tochter. Carmens Mutter. „Meine Mama hat mir erst vom Horror berichtet, als ich 20 war“, erzählt Arnal der Deutschen Presse-Agentur.

Die frühere Bauunternehmerin empfindet, wie sie beteuert, „keinen Groll und auch keine Traurigkeit“. Sie sei nur froh, dass ihre Familie nach bald 80 Jahren „dieses Kapitel abschließen“ könne. Nach der zweifelsfreien Identifizierung der Überreste wolle man sie einäschern und bestatten. Arnals Mutter erlebt die kleine Wiedergutmachung nicht. Sie starb vor sechs Jahren. Doch warum musste die Familie überhaupt so lange warten?

Auch nach dem Tod des Generals im Jahr 1975 war es in Spanien nahezu tabu, über Franco und die Diktatur zu sprechen. Es war eine Art stillschweigender Pakt, der dazu beitragen sollte, den Prozess der Demokratisierung möglichst konfliktlos zu bewältigen. Nach dem Amnestiegesetz von 1977 blieben die schrecklichen Verbrechen der Diktatur ungestraft.

Eine echte Aufarbeitung der Vergangenheit, der Unterdrückung großer Bevölkerungsteile hat es bis heute nicht gegeben. Wenn die sozialistische Regierung nun plötzlich davon spricht, den in einem riesigen Mausoleum im sogenannten Tal der Gefallenen nordwestlich von Madrid liegenden Leichnam von Franco umzubetten und den Pilgerort für Rechtsextreme in einen Ort der Versöhnung zu verwandeln, dann warnen konservative Parteien und die einflussreiche rechte Tageszeitung „ABC“ vor „Revanchismus“.

„In der Familie wurde während der Diktatur und auch danach kaum über Politik gesprochen. Es gab viel Angst. Die Repression ging auch nach Francos Tod weiter“, erzählt Arnal. Die Nachbarn, die ihren Großvater 1939 angezeigt hätten, hätten „noch jahrzehntelang nebenan gewohnt“. Die Umbettungspläne für Franco findet die resolute und gar nicht ängstlich wirkende Frau „nicht so gut“. „Ich habe Angst, dass Schlimmes passiert. Die Gesellschaft ist doch so sehr polarisiert. Auch wenn es heute mehr Freiheit gibt, musst du den Mund halten“, sagt sie. Die „Erben“ Francos hätten noch sehr viel Macht, „sitzen an wichtigen Stellen“.

Nur kurz nach dem Gespräch mit Arnal wurde erstmals eine rechtsextreme populistische Partei in ein spanisches Parlament gewählt. Bei den Wahlen zum andalusischen Regionalparlament am Sonntag kam die bisher bedeutungslose euroskeptische Bewegung Vox, deren Vertreter die Franco-Diktatur oft loben und den zunehmenden Migrantenzuzug kritisieren, auf knapp elf Prozent. Mit zwölf Abgeordneten wird Vox bei der Regierungsbildung eine entscheidende Rolle spielen.

„Franco wurde aus dem Tal der Gefallenen geholt und ins andalusische Parlament gebracht“, klagte nach der Wahlnacht auf Twitter der führende Linkspolitiker Gabriel Rufian. Der angesehene Schriftsteller und Journalist Ruben Amon, der jüngst in seiner Kolumne in der Zeitung „El Pais“ eine „Wiederauferstehung“ von Franco und die Erfolge von Vox prophezeit hatte, spricht nun von einer „goldenen Morgendämmerung der Ultrarechten“. Die Angst vor dem toten Diktator nimmt in Spanien plötzlich wieder zu.

Nach einem Putsch gegen die Zweite Spanische Republik und einem blutigen Bürgerkrieg (1936-1939) kam Franco unter anderem mit Unterstützung der deutschen Legion Condor an die Macht. Den 43. Todestag des „Caudillo“, des „Führers“, begingen Anhänger am 20. November unter anderem mit zahlreichen katholischen Messen im ganzen Land. Vor einer Kirche an der Madrider Nobel-Shoppingmeile Calle Serrano hoben viele ungeniert den rechten Arm zum Nazigruß und sangen Hymnen des Regimes. „Viva Franco!“ und „Viva Espana!“ erklang. Und auch: „Viva Hitler!“

Beobachter in Spanien machen die internationale Entwicklung mitverantwortlich - den Aufstieg von US-Präsident Donald Trump, die AfD in Deutschland, die rechtspopulistischen Regierungen in Italien, Ungarn, Brasilien und anderswo. Ultrarechtes Gedankengut sei wieder hoffähig und könne mehr oder weniger offen ausgesprochen werden. Das denkt auch die junge Linksaktivistin Almudena Puyo, die gegen eine Messe zur Würdigung Francos in Madrid protestierte. „Dass es diese Leute gibt, wurde bei uns unter dem Teppich gekehrt. Jetzt kommen die Ultras wieder aus ihren Löchern“, sagte sie der Deutschen Presse-Agentur.

Dabei hatte die Entwicklung der vergangenen Jahre doch Hoffnung geschürt. Stichwort Exhumierungen: Mitte bis Ende der 1990er Jahre hatten Bürgerinitiativen auf eigene Faust mit der Suche nach Opfern der Diktatur begonnen. Im Jahr 2000 wurde die Vereinigung zur Wiedererlangung des historischen Gedächtnisses (ARMH) gegründet, die Dutzende Massengräber aushob. 2007 verabschiedete das Abgeordnetenhaus in Madrid das Gesetz des historischen Andenkens, das den Umgang mit Denkmälern der Diktatur regelt und Rechte der Diktaturopfer anerkennt und erweitert.

Erst seit wenigen Jahren stellen einige Gemeinden und Provinzen hier und da finanzielle Mittel für die Aushebung von Massengräbern bereit. In Castellon waren es für die ersten fünf Exhumierungen jetzt 15.000 Euro. Im Sommer wurde im Madrider Justizministerium zudem erstmals die Stelle eines Generaldirektors für das historische Andenken geschaffen. Der 69-jährige Fernando Martinez, der den Posten innehat, macht aber mit wenigen Zahlen klar, wieviel Arbeit Spanien allein bei der Suche und Aushebung von Massengräbern vor sich hat. „Seit dem Jahr 2000 wurden rund 700 Massengräber mit mehr als 8000 Opfern geöffnet. Die Zahl der Verschwundenen (der Diktatur) schätzt man auf 114.000“, erklärte Martinez jüngst.

Der Kampf vor allem linker Parteien und Bewegungen richtet sich auch gegen die vielen Straßen und Plätze, die in Spanien immer noch nach Franco und weiteren Vertretern der Diktatur benannt sind. „Das alles wäre in Deutschland ein Skandal“, sagt die für das historische Andenken in der Provinz Valencia zuständige Abgeordnete der Vereinigten Linken (Esquerra Unida), Rosa Perez Garijo.

Sie richtete im Oktober das landesweit erste Büro zur Beratung und Unterstützung der Opfer der Diktatur ein. Dort arbeiten mit viel Engagement Alex Calpe und Vicent Galiana. „Zu uns kommen auch Menschen, die noch in den 1970er Jahren gefoltert wurden“, erzählt Galiana. Er und Kollege Calpe sind überzeugt, dass kein Vox und kein Wahlergebnis das zunehmende Verlangen der spanischen Gesellschaft nach Gerechtigkeit, Wahrheitsfindung und Wiedergutmachung bremsen werden. „Die Bewegung ist dabei, eine brutale Kraft zu entwickeln“, sagen beide unisono.




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