Letztes Update am Fr, 07.12.2018 08:34

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Nach dem Sieg über den IS kehrt der Alkohol nach Mosul zurück



Mosul (Mossul) (APA/AFP) - Unter der Herrschaft der Jihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) wurde der Konsum von Alkohol in Mosul (Mosul) mit Peitschenhieben oder Schlimmerem bestraft. Ein Jahr nach dem Sieg über den IS im Irak gibt es nun wieder einen schwunghaften Handel mit Alkohol in der Stadt.

Im Geschäft von Cheirallah Tobeh stehen heute amerikanischer Whisky, südkoreanisches Bier und Arak aus heimischer Produktion - und das Geschäft läuft gut. In der konservativen muslimischen Gesellschaft bleibt Alkoholkonsum allerdings umstritten.

Er sei bei der Arbeit „entspannt und überhaupt nicht nervös“, versichert der 21-jährige Verkäufer von der nicht-muslimischen Minderheit der Yeziden (Jesiden) in Mosul. Doch wie die meisten Alkoholläden im Geschäftsviertel Al-Duassa hat Tobehs Geschäft kein Schild, das auf den Verkauf von Alkohol hinweisen würde. Auch packt er die Flaschen stets in ein schwarzes Plastiksackerl, damit der Inhalt nicht sichtbar ist. Da Muslime im Irak keine Lizenz zum Alkoholverkauf erhalten können, gehören alle Geschäfte Christen oder Yeziden.

Die Familie des Christen Abu Rajan betrieb schon vor 2014 einen Laden in Mosul, doch setzten die Jihadisten dem Geschäft nach der Einnahme der Stadt im Juli 2014 ein jähes Ende. „Sie haben meinen gesamten Besitz beschlagnahmt und mich aus der Stadt vertrieben“, sagt er. Am Ende habe er sich aber durchgesetzt. „Dass ich heute meinen Laden wieder eröffnet habe, ist meine Art, Daesh herauszufordern“, sagt Abu Rajan mit Blick auf den IS.

In den liberalen 60er und 70er Jahren war Alkoholkonsum in Mosul weit verbreitet. „Es gab Weinkeller und Alkoholgeschäfte in Mosul und die Leute tranken in aller Öffentlichkeit, ohne dass sich jemand daran stieß“, sagt der Maler Ali Hassan mit Wehmut. Der 33-Jährige kennt diese Zeit, als die Leute aus der ganzen Region in die Restaurants und Bars von Mosul strömten, jedoch nur aus den Erzählungen seiner Eltern.

Heute findet man nur noch selten Alkohol in Hotels und Restaurants, da in der konservativen muslimischen Gesellschaft Alkohol weithin verpönt ist. Nur wenige junge Leute wagen es, öffentlich Wein oder Bier zu trinken, meist treffen sie sich dazu am Abend am Tigris-Ufer. Bei Preisen von einem Euro pro Bier und einigen Dutzend für harten Alkohol bleibt es zudem eines teures Vergnügen, das sich nur wenige leisten können.

Der Niedergang hatte für die Weinkeller bereits in den 90er Jahren begonnen, als das internationale Handelsembargo gegen Diktator Saddam Hussein zu zahlreichen Engpässen führte. Als sich nach dem Sturz des Machthabers im Zuge der US-Invasion 2003 islamistische Aufständische im Land ausbreiteten und immer mehr Angriffe auf Alkoholgeschäfte verübten, wurde vielen Verkäufern das Geschäft zu riskant.

Auch heute ist Alkoholkonsum im Irak nicht von allen gerne gesehen. Einige Anrainer protestierten gegen den Verkauf aus religiösen Gründen, andere zum Schutz der Jugend. Vor zwei Jahren wurde ein Gesetzentwurf ins Parlament eingebracht, um den Import und Verkauf von Alkohol ganz zu verbieten. Zwar wurde er zurückgewiesen, doch müssen Läden einen Mindestabstand zu Kultstätten und Schulen einhalten.

Der Bürgerrechtler Mohammed Salem findet die Regulierung des Alkoholverkaufs grundsätzlich in Ordnung, warnt aber vor einer erneuten Einschränkung der Freiheit. „Am besten wird der Handel und Verkauf von Alkohol unter der Aufsicht der Gesundheits- und Sicherheitsbehörden organisiert“, sagt der 31-jährige Aktivist. „Jede Entscheidung zum Verbot von Alkohol wäre aber ein Verstoß gegen die individuellen Freiheiten.“




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