Letztes Update am Fr, 07.12.2018 12:25

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Willi Resetarits: „Ehrlichkeit ist das einzige, was ich kann“ 1



Wien (APA) - Er ist Musikant und Menschenrechtler, Ostbahn-Bluesrocker und Wiener Szenegröße. Am 21. Dezember wird Willi Resetarits 70 Jahre alt - und feiert seinen Geburtstag ausgiebig mit Doppelkonzert und Biografie. Im APA-Interview spricht der baldige Jubilar über Hochbegabung und Herzensbildung, über Ostbahn als „Behauptung“ und über seinen Zorn, wie die Regierung „Rufmord an Flüchtlingen“ betreibt.

APA: Üblicherweise haben Sie sich zum Geburtstag eher zurückgezogen... heuer wird gründlich gefeiert.

Resetarits: „Ja, ich bin kein großer Feierer und aus einem Grund, den ich nicht weiß, hab ich mir diesmal gedacht: ich sollte zum runden Geburtstag - weil‘s mir grad‘ so danach war - auch langsam anfangen, zurückzublicken. Bis jetzt hab‘ ich nur nach vorne geblickt: das Beste kommt noch und ich bin so gespannt und ich hab keine Zeit für das, was hinter mir liegt. Jetzt blicke ich erstmals zurück.“

APA: In den Geburtstagskonzerten am 4. und 5. Jänner treten alle Bands auf, mit denen Sie je gespielt haben.

Resetarits: „Zwölf Bands werden spielen. Es beginnt mit ‚The Odds‘, der Mittelschülerband. ‚The Odds‘ haben nachweislich 53 Jahre nicht gespielt, aber sie haben wieder zu üben begonnen. Und wir haben uns auch in der Zeit nicht gesehen. Ich hab‘ also Mittelschüler getroffen, man hat sich grade so erkannt. Und dann - magisch - sind 50 Jahre von den Gesichtern abgefallen und plötzlich hamma zum Seidl‘n trinken ang‘fangen und genauso bled g‘red‘t wie damals.“

APA: All diese Musiker aus den 12 Bands - was haben die gemeinsam?

Resetarits: „Die haben gemeinsam, dass sie Musikanten im besten Sinn sind. Da sind viele besonders Hochbegabte dabei. Und - das hat schon mein Freund, der Kurti, g‘sagt: es braucht schon Hochbegabung, aber das hilft alles nichts, wenn nicht die zweiten 50 Prozent aus Herzensbildung bestehen. Alle haben also auch gemeinsam, dass ma‘s druck‘n möcht. I drucks eh. Ich hab‘ die alle so gern.“

APA: Auch im Publikum gibt es viele, die Sie schon eine Weile begleiten...

Resetarits: „Manchmal taucht die Frage auf, ob ich mir für jede neue Band ein eigenes Publikum erobert habe. Die Antwort ist: nur zu einem kleinen Teil, der harte Kern begleitet mich tatsächlich durchs Leben. Und wenn die einen zu alt werden schicken‘s die Kinder. Ich hab‘ ja so ein Glück mit meinem Publikum. Es ist nicht nur so, dass man sich nicht genieren muss, sondern so, dass man stolz sein kann auf die Leute, die einem folgen.“

APA: Es erscheint auch eine Biografie, die Christian Seiler mit Ihnen geschrieben hat. Auf was kommt man da drauf beim Erzählen?

Resetarits: „Man kommt drauf, dass viel mehr passiert ist als ich mir je hätte vorstellen können. Da waren viele gute Sachen dabei. Ein bisserl ist es so, dass ich Bericht geben mag - mit relativ wenig Fazit. Weil ich mir denk‘, ein bissl was können sich die Leute auch z‘amreimen. Ich schreib‘ was passiert ist. Soweit ich mich erinnern kann. Zum Schreiben auf Teneriffa hab‘ ich meine Kalender von den letzten 30 Jahren vergessen. Und dann hamma g‘sagt: Is eh wurscht. Es ist also nicht alles in dem Buch, sondern nur das, was mir eingefallen ist.“

APA: Erfährt man da viel Privates über Willi Resetarits?

Resetarits: „Aus der Kindheit ja, weil die spannend ist, auch von der Zeit her, wie rasant sich die Gesellschaft damals entwickelt hat, und auch wie ich Sprache gewechselt hab als Kind. Das Privatleben des Erwachsenen wollte ich nicht ausbreiten vor dem staunenden Publikum - weil das ist ja peinlich bitte.“

APA: Aber deswegen kaufen doch die Leute so ein Buch.

Resetarits: „Ich verzichte ja darauf, dass alle Leute das Buch kaufen. Ich hab‘ kein anderes, geheimes Leben geführt, als die Zuhörerinnen und Zuhörer geglaubt haben. Weil ich das gar nicht kann. Die Art von Ehrlichkeit auf der Bühne, für die ich oft gelobt wurde, die finde ich gar nicht so toll - das ist das einzige, was ich kann. Ich kann mich nicht irgendwo hinstylen oder eine Kunstsprache entwickeln. In Konzerten erzähl ich irgendwas von mir. Dass mich grade was zwickt oder was mir Erstaunliches in der Früh beim Duschen passiert ist. Dass ich mit dem Zeh in der Dusche stecken geblieben bin oder so. Meine Vorbilder machen das auch so.“

APA: Welche Vorbilder?

Resetarits: „Dave Matthews zum Beispiel, der macht das in einer etwas mehr gestylten Art. Oder der verstorbene Willy DeVille, der gesagt hat: Lieber einen Freund verlieren, als eine gute Pointe nicht anbringen. Springsteen, wenn es ein kleiner Rahmen war. Der war dann die Megakonzerte gewohnt, wo du gefühlt nicht so ins Private reinkommst. Aber wenn er wo kleiner spielt, dann erzählt er lang. Da muss der Rahmen stimmen. Weil wenn man einfach so dahinerzählt, eine Viertelstunde, dann kommt erstmal ein bissl ein Bledsinn außa, bis die Quelle klarer fließt.“

APA: Apropos Authentizität: Der Ostbahn, das ist doch eigentlich wer anderer.

Resetarits: „Ostbahn ist wer anderer. Aber in meiner Wahrnehmung ist das hauptsächlich die Behauptung. Ich weiß ja, ich bring immer nur mich selber mit. Das bin immer ich. Aber die Behauptung hat eine gewisse Macht. Ich nehm‘ die Sonnenbrille vor die Augen und spreche: Grüß euch, ich bin der Kurtl. Und das war‘s.“




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