Letztes Update am Fr, 07.12.2018 13:58

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Zum 75. von Michael Krüger: „Man wird alt, ganz einfach“



München (APA/dpa) - Michael Krüger hat ein gewichtiges Problem - mit Goethe. Die schwere Literatur rückt der Statik seines Hauses zu Leibe. Der ehemalige Verleger des Hanser-Verlages hat einfach zu viele Bücher. „Wenn ich noch mehr Bücher staple, kann es sein, dass mir der ganze Goethe auf den Kopf fällt“, sagt er im dpa-Interview. Und wundert sich zugleich, dass er am 9. Dezember 75 Jahre alt wird.

Er trage nun ständig Bücherkisten aus seinem Arbeitszimmer in den Keller - und wieder zurück, damit die literarische Last nicht irgendwann die Baubehörde auf den Plan ruft. „Ich weiß, ich brauche in Zukunft nicht drei Goethe-Ausgaben. Eine reicht. Aber wohin mit den anderen beiden?“ Antiquariate wollten sie nicht, die Mülltonne sei keine Option. „Und so ist es ein ständiger Kampf mit diesen Büchern.“

Der Kampf mit dem oder vielmehr um und für das Buch hat Krügers Leben geprägt. Nach seiner Ausbildung arbeitete er zwischen 1962 und 1965 als Buchhändler im Londoner Nobelkaufhaus Harrods. Damals wäre es ihm sogar beinahe gelungen, der Queen deutsche Nachkriegsliteratur unterzujubeln. Er verkaufte dem Bibliothekar der Königin Übersetzungen von Grass, Johnson und Peter Weiß - doch der brachte sie ein paar Tage später zurück in die Second-Hand-Abteilung.

1968 begann dann die lange Ära Krüger beim Hanser Verlag in München. Erst war er Lektor, seit 1986 literarischer Leiter, ab 1995 geschäftsführender Gesellschafter. Unter seiner Führung wurde der Verlag zu einer erstklassigen Adresse im deutschen Literaturbetrieb.

Als er Ende 2013 nicht unbedingt freiwillig seinen Hut beim Verlag nahm - um dem deutlich jüngeren Jo Lendle Platz zu machen - da widmeten Hanser-Schriftsteller Krüger in der „Zeit“ eine ganze Seite. Große Autoren wie Milan Kundera, T.C. Boyle oder David Grossman ehrten ihn damals als „Unseren Verleger“. Boyle nannte ihn „einen Dichter, einen Romanautor, Philosophen, Lebemann, mit außergewöhnlichem Scharfsinn und Geist“. „Er steht für eine ganze Epoche“, sagte der damalige deutsche Bundespräsident Joachim Gauck beim Abschiedsfest für Krüger im Schloss Bellevue.

Fünf Jahre sind seit dem Abschied vergangen, in denen Krüger selbstverständlich weiterhin viel gelesen und geschrieben hat (erst im Herbst erschien sein jüngster Roman „Vorübergehende“). Als Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste widmete er sich aber vor allem der für ihn existenziellen Frage: Welchen Wert misst eine Gesellschaft ihr bei, der Kunst, der Kultur?

„Im bürgerlichen Zeitalter gibt es plötzlich diese merkwürdige Wertschätzung der Kunst“, sagt Krüger, der sein Amt 2019 aufgibt, der dpa. „Da geben Leute Millionen aus und wissen gar nicht, wofür.“ Der wirkliche Wert, die kulturelle Bedeutung von Kunst, bleibe dabei auf der Strecke. „Die Leute haben nicht gelernt, dass es nicht um Geld geht.“

Dabei habe die Kunst, allen voran für Krüger die Literatur, die Macht, die Welt besser zu machen. „Stellen Sie sich vor, das Parlament kommt zusammen und Herr Schäuble sagt: Ich möchte beginnen mit einem Gedicht von Paul Celan.“

Dass diese Hoffnung wohl unerfüllt bleibt, das weiß auch Krüger, der sich etwas verloren fühlt in dieser für ihn noch immer neuen digitalen Welt. „Eine neue Generation ist herangewachsen, die mit dem traditionellen Muster links und rechts, mit CDU oder SPD, mit Hochkultur und Trivialkultur überhaupt nichts am Hut hat. Das ist für mich unbegreiflich.“

Datensammelwut mache ihm Angst - ebenso der globale Rechtsruck von Ankara über Italien, Deutschland und Großbritannien bis in die USA. „Dass überhaupt meine Generation Europa noch einmal in Frage stellt - das hätte ich mir nie vorstellen können.“

Das sei vielleicht pessimistisch, räumt er ein. „Das hat mit meinem Alter zu tun.“ Dass er, der Lebemann, aber überhaupt 75 Jahre alt werde, das habe ihn durchaus positiv überrascht. „Ich habe geraucht und getrunken - in großen Mengen. Und immer gearbeitet - Tag und Nacht. Jetzt rächt sich der Körper. Es ist so. Man wird alt, ganz einfach“, sagt Krüger. „Dass ich 75 geworden bin, ist für mich selber eines der größten Rätsel der Zivilisationsgeschichte.“




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