Letztes Update am Fr, 07.12.2018 16:38

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Ruanda - Afrikanisches Vorzeigeland mit Schattenseiten



Kigali (APA) - Ruanda ist vermutlich nicht das erste Land, das einem in den Sinn kommt, wenn man an moderne Start-Ups in der IT-Branche denkt. Der ostafrikanische Staat, der so groß wie Kärnten und die Steiermark zusammen ist, ist international oft nur wegen seiner schwierigen Vergangenheit - dem Genozid 2014 - bekannt. Präsident Paul Kagame will dass ändern und führt das Land durch eine digitale Revolution.

Was die wirtschaftliche Entwicklung seines Landes betrifft, wird Kagame von vielen als „Superstar“ gesehen. Ruanda gilt als Vorbild in zahlreichen Bereichen - unter Kagame konnte die Armutsrate von 44 Prozent (2011) auf 39 Prozent (2014), die Kindersterblichkeit um zwei Drittel gesenkt werden. Das Wirtschaftswachstum beträgt rund sieben Prozent, Plastiksackerl sind seit Jahren verboten, mehr als 4.500 Kilometer Glasfaserkabel durchziehen das Land.

Doch wenn man die saubere, moderne Hauptstadt Kigali verlässt, wird schnell klar, dass es abseits der Ballungsgebiete noch um die Versorgung der Grundbedürfnisse geht. Viele Menschen in ländlichen Gebieten haben keinen eigenen Wasseranschluss, nur 20 Prozent der Gesamtbevölkerung haben Zugang zur Stromversorgung, in manchen Regionen hungern die Menschen.

Und auch in punkto Demokratie und Menschenrechte hat das „Land der tausend Hügel“ noch Aufholbedarf. Im jährlichen Ranking der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen (ROG) belegt Ruanda nur Platz 156 von 180. Die Organisation zählt Kagame zu den „schlimmsten Feinden der Pressefreiheit“ weltweit.

1994 hat Kagame den verheerenden Völkermord, bei dem vermutlich mehr als 800.000 Tutsi und moderate Hutu ums Leben kamen, mit Gewalt beendet. Danach übernahm er den Posten des Verteidigungsministers, seit 2000 regiert er Ruanda als Präsident mit harter Hand.

Bei ausländischen Investoren ist Ruanda im Vergleich zu vielen anderen afrikanischen Ländern dennoch beliebt. Laut Weltbank und „Ibrahim Index of African Governance“ ist der 12-Millionen-Einwohnerstaat einer der besten Plätze für Investoren weltweit. Dieses Potenzial will sich auch Österreich zunutze machen.

Die Regierung versucht, mit Hilfe eines sogenannten Investitionsgarantiefonds, dessen Errichtung von Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) am Freitag bekanntgegeben wurde, heimische Investoren auf den afrikanischen Markt zu locken. Der Fonds soll eine Art Ausfallshaftung für kleinere Kredite darstellen. Zudem wird das Budget der Österreichischen Entwicklungsbank (OeEB) - sie ermöglicht mit langfristigen Finanzierungen privatwirtschaftliche Projekte in „Entwicklungsländern“ - im Bereich Afrika um rund 50 Prozent erhöht werden. Klein- und mittelständische Unternehmen können über die Austrian Development Agency (ADA) Förderungen für Wirtschaftspartnerschaften in Entwicklungs- und Schwellenländern beantragen. Seit 2004 haben etwa 200 Firmen diese Möglichkeit, die es erleichtern soll, auf dem afrikanischen Markt Fuß zu fassen, in Anspruch genommen.

Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz am Freitag in Kigali erklärten Kagame und Kurz einhellig, dass bessere wirtschaftliche Vernetzung der Schlüssel zu mehr Wohlstand und besseren Lebensbedingungen „auf beiden Kontinenten“ sei. Um die Zusammenarbeit, vor allem im Bereich Wirtschaft, weiter voranzutreiben, laden die beiden Regierungschefs für den 18. Dezember nach Wien zu einem EU-Afrika-Forum, an dem neben Staats- und Regierungschefs aus beiden Kontinenten fünf EU-Kommissare und fast 1.000 Unternehmen teilnehmen. „Wir dürfen nicht nur Fragen, wie wir Afrika erziehen können (...), wir müssen auch mit den afrikanischen Leadern diskutieren und besprechen, was sie am meisten benötigen“, betonte Kurz.




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