Letztes Update am Sa, 08.12.2018 11:15

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Spitzenkandidat Timmermans lässt Europas Sozialdemokraten hoffen



Lissabon (APA/dpa) - Frans Timmermans erzählt gerne von seinen Kindern, zum Beispiel diese Geschichte: Als er mit seiner jüngsten Tochter zum ersten Mal von seiner niederländischen Heimatstadt Heerlen ins nahe deutsche Aachen radelte, kamen sie an alten Weltkriegs-Panzersperren vorbei.

„Hier ist die Grenze“, erklärte Timmermans der Kleinen. Aber die fragte: „Papa, was ist eine Grenze?“ Timmermans staunte. Dann kam er zu dem Schluss: „Das ist für mich Europa.“

Europa als Friedensprojekt, als große Idee jenseits des bürokratischen Kleinkrams - das stellt der Niederländer heraus. Der 57-jährige Sozialdemokrat wird sich an diesem Samstag in Lissabon offiziell als europäischer Spitzenkandidat seiner Parteienfamilie präsentieren, und er gibt sich fest entschlossen, nach der Europawahl im Mai neuer Präsident der EU-Kommission zu werden. Im Wahlkampf wird er der große Rivale von CSU-Vizechef Manfred Weber, der für die Europäische Volkspartei ins Rennen zieht und ebenfalls den scheidenden Kommissionschef Jean-Claude Juncker beerben will.

Die beiden Kandidaten sind sehr unterschiedlich, zumindest auf den ersten Blick. Anders als der 45-jährige Weber hat Timmermans Erfahrung in vielen Spitzenämtern. Er war niederländischer Diplomat, Abgeordneter, Europa- und Außenminister und ist seit 2014 unter Juncker erster Vizepräsident der EU-Kommission.

Dort ist er unter anderem für Nachhaltigkeit zuständig und profilierte sich mit einem Plan gegen Plastikstrohhalme und Wegwerfgeschirr. Vor allem aber kümmerte er sich um das heikle Thema Rechtsstaatsverfahren gegen Polen und verwies immer wieder auf die Gefahren, die er als Folge der Justizreformen der rechtsnationalen Regierung in Warschau sieht. Die warf dem Sozialdemokraten daraufhin Parteilichkeit vor, was Timmermans aber nicht weiter schreckte.

Der Katholik wuchs nicht nur in Heerlen auf, sondern zog als Sohn eines niederländischen Diplomaten auch durch halb Europa. Er lebte in Paris, Brüssel, Rom. Später studierte er französische Literatur- und Sprachwissenschaft in den Niederlanden und im französischen Nancy Europarecht, Politik und französische Literaturwissenschaften. Als Diplomat war er unter anderem in Moskau. Er spricht - anders als Weber, der neben seiner Muttersprache nur Englisch beherrscht - sieben Sprachen fließend, darunter Deutsch und Russisch.

Auch politisch leben Weber und Timmermans in verschiedenen Welten. Der CSU-Politiker pocht sehr auf Sicherheit, Schutz der Außengrenzen und dauerhafte Lösungen gegen illegale Migration. Timmermans hingegen erklärt das Soziale zur Schicksalsfrage für Europa. „Bei der Sozialfrage müssen wir wirklich nachlegen, da haben wir wirklich eine Riesenaufgabe“, sagte er in Lissabon. Zu viele Europäer fühlten sich abgehängt. Wenn man nicht gemeinsam eine Lösung finde, „dann wird Europa scheitern, dann werden sich die Leute von Europa abwenden, das darf uns nicht passieren“.

Und das verbindet beide Kandidaten dann doch: Beide versuchen, sich im echten Leben zu erden. Weber betont seine Wurzeln im dörflichen Niederbayern, weit weg von Brüssel und nahe bei den Menschen. Genau wie Timmermans, der seine Bewerbung im Oktober zum allgemeinen Erstaunen ohne Direktübertragung und Brimborium vor ein paar Dutzend Leuten in Heerlen bekannt gab. „Hier gehöre ich hin“, sagte er. „Nicht ins (Kommissionsgebäude) Berlaymont.“ Als Brüsseler Eurokrat will in Zeiten populistischer Breitseiten gegen die EU niemand gelten.

Timmermans, der in zweiter Ehe verheiratet ist und insgesamt vier Kinder hat, wirkt damit zumindest für seine Anhänger glaubhaft. Die in vielen EU-Ländern aufgeriebenen Sozialdemokraten schöpfen gerade wieder Mut.

„Das ist ein charakterstarker Mensch, ein toller Typ, der geradeaus redet, der nicht lügt, der zur Sozialdemokratie passt und sie grandios verkörpert mit ihren Werten“, begeistert sich zum Beispiel der deutsche Fraktionschef der Sozialdemokraten im Europaparlament, Udo Bullmann. Und er will an Timmermans‘ Chance glauben, am Ende tatsächlich als Kommissionschef die Geschicke des Kontinents mitzugestalten.

Die Sozialdemokraten kamen europaweit 2014 auf rund 25,4 Prozent. Für die nächste Runde im Mai werden ihnen Verluste vorhergesagt. Die EVP dürfte dagegen wieder stärkste Partei werden und dann Anspruch auf das Amt des Kommissionspräsidenten erheben. Und doch träumt Bullmann von einer Allianz progressiver Parteien mit Grünen, Liberalen und Linken, die Timmermans zum Sieg tragen könnte. Er sei optimistisch, behauptet der deutsche Sozialdemokrat.




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