Letztes Update am Sa, 08.12.2018 12:06

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Tumult bei Abschiebung: Prozess um Widerstand gegen Staatsgewalt



~ --------------------------------------------------------------------- KORREKTUR-HINWEIS In APA287 vom 07.12.2018 muss es im vorletzten Satz der Meldung richtig heißen: „Der ist NICHT verknöchert ...“ (Ergänzung des ausgefallenen Wortes) --------------------------------------------------------------------- ~ Wien (APA) - Tumultartige Szenen bei der geplanten Abschiebung einer achtköpfigen tschetschenischen Familie im Sommer 2017 haben am Freitag das Wiener Landesgericht für Strafsachen beschäftigt. Der Großvater der betroffenen Familie und seine Lebensgefährtin - eine bei einer Tageszeitung beschäftigte Journalistin - hatten sich wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt und Körperverletzung zu verantworten.

Am frühen Morgen des 24. Juli 2017 hatte es an der Tür der in Wien-Donaustadt gelegenen Wohnung der tschetschenischen Familie geläutet. Die Fremdenpolizei war mit einem Festnahmeantrag gekommen, um die Abschiebung eines Ehepaars und ihrer sechs Kinder zu vollziehen. Der von der Abschiebung nicht betroffene Großvater soll trotz eingeschränkter Mobilität mit seinem Rollstuhl mehrfach gegen die Beine eines Beamten gefahren sein, um die Amtshandlung zu behindern. Als sein Rollstuhl umkippte, soll der 59-Jährige den Polizisten noch im Gesichtsbereich gekratzt haben.

Der Angeklagte bekannte sich dazu nicht schuldig. „Dieser Vorgang, der da angeklagt ist, den gibt‘s so nicht“, meinte Verteidiger Herbert Pochieser. Die Polizei habe zwei Mal den Rollstuhl seines Mandanten umgeworfen. Im Zuge des Sturzes habe sich der 59-Jährige am T-Shirt eines Beamten festhalten wollen. Dabei dürfte sich jener „Abwehrverletzungen“ zugezogen haben. In Wahrheit sei aber die Polizei gegen den Großvater gewalttätig geworden, stellte Pochieser fest: „Er wurde von hinten zu Boden gebracht. Als er am Boden war, wurde mit dem Ellenbogen gegen seine Halsschlagader gedrückt, bis er bewusstlos war.“ Ein von der Staatsanwaltschaft gegen den betreffenden Polizisten geführtes Strafverfahren, bei dem Striemen amtsärztlich dokumentiert worden waren, ist allerdings rechtskräftig eingestellt worden.

Der Großvater hatte telefonisch seine Lebensgefährtin verständigt, als die Fremdenpolizei in Begleitung von Beamten der Logistikabteilung der Wiener Landespolizeidirektion in der Wohnung stand. Offenbar wurden seitens der Exekutive im Vorhinein Probleme bei der Abschiebung befürchtet, weshalb die Polizei die Amtshandlung mitfilmen ließ. Die 52 Jahre alte Partnerin des 59-Jährigen setzte sich in ihr Auto und begab sich umgehend zur Wohnung der tschetschenischen Familie. Sie wurde jedoch nicht in die Wohnung gelassen. Wie auf dem Polizeivideo zu sehen ist, wurde sie in sachlichem Tonfall darauf aufmerksam gemacht, dass dies nicht möglich sei. „Das bringt nur Wirbel“, beschied ihr eine Polizistin. Darauf ist die Journalistin lautstark zu hören, die „Ich bin Journalistin! Ich habe das Recht, verdammt noch mal!“ äußert und sich mit Nachdruck in die einen Spalt geöffnete Tür drängen will. Beamte schieben - wie das Video zeigt - die Frau zurück, worauf sie zu Sturz kommt.

Der Darstellung der Polizei zufolge soll sich die 52-Jährige fallen gelassen haben. Die Journalistin schilderte das Zu-Boden-Gehen, das auf dem Video nicht zu sehen ist, da Einsatzkräfte bzw. die Tür die Sicht verstellen, dagegen folgendermaßen: Ein Beamter habe sie an der Hand erfasst, an den Haaren gerissen und „zu Boden geknallt“, wie sie Richter Thomas Kreuter versicherte.

Das Video dokumentiert in weiterer Folge, wie die in Bauchlage am Boden befindliche Journalistin plötzlich mit beiden Händen ein Bein einer jungen Polizistin umklammert. Nachdem die 52-Jährige der 29-Jährigen zuvor schon aufgrund von wildem Gebärden und Um-sich-Schlagen Kratzer am Unterarm zugefügt haben soll, soll sie nun den Versuch unternommen haben, diese zu beißen. „Ich habe gespürt, dass Zähne am Wadl sind. Deswegen gehe ich heute noch davon aus, dass es ein Beißen war, weil ein Zug da war“, schilderte die Polizistin. Sie habe bemerkt, „dass Zähne da gewesen sind und diese zugegangen sind“. Die Frau habe aber nur ihre Hose und nicht den Knochen erwischt. Deshalb nahm die Polizistin davon Abstand, sich dem Strafverfahren als Privatbeteiligte anzuschließen und verzichtete damit auf Schmerzengeld-Ansprüche gegen die Journalistin.

Diese bestritt, gebissen zu haben. Dazu wäre sie gar nicht in der Lage, behauptete sie unter Verweis auf angebliche Kieferprobleme. Die Anklage sei insofern „absurd“, weil ihr diese Probleme seit Jahrzehnten zu schaffen machen würden. Sie habe, als sie am Boden vor der Wohnung lag, ihren Kopf instinktiv Richtung Bein der Polizistin „gedrückt, um den Kiefer zu schützen. Der ist nicht verknöchert“, gab die Angeklagte zu Protokoll. Schon wenn ihr jemand eine bloße Ohrfeige gebe, „kann es sein, dass der Kiefer runterbricht“, erläuterte die 52-Jährige.




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