Letztes Update am Sa, 08.12.2018 17:40

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Flucht im eigenen Land - Äthiopien kämpft mit Landkonflikt-Folgen



Jijiga (APA) - Seit er vor fünf Monaten geflüchtet ist, lebt Abdullah nur fünf Kilometer von dem Ort entfernt, in dem er sein ganzes Leben verbrachte. Zurück will und kann der 61-Jährige Äthiopier aber nicht. Es sei zu gefährlich für ihn und seine Familie, erzählt Abdullah, der nun in einem Camp für Binnenvertriebene in der Somali-Region lebt.

Abdullah ist einer von rund 2,7 Millionen Äthiopiern, die Flüchtlinge im eigenen Land sind - sogenannte Binnenvertriebene (Internationally Displaced People/IDP). Äthiopien, das zweitbevölkerungsreichste Land Afrikas, verzeichnet den größten Anteil an Binnenvertriebenen weltweit. Mehr als ein Drittel davon, rund eine Million, lebt in der an der Grenze zu Somalia gelegenen Somali-Region. Sie verteilen sich derzeit laut dem World Food Programme (WFP) auf 385 Camps.

Fast alle der Campbewohner haben nicht nur ihre Lebensgrundlage - ihr Vieh, das einerseits für Essen, andererseits für Einkommen sorgte - verloren. Die meisten von ihnen haben auch traumatisches erlebt. Im APA-Gespräch erzählt die 42-Jährige Sahra, dass sie bis auf ihre Nichte alle Familienmitglieder verloren habe. Das kleine Mädchen habe den Tod seiner Eltern und Geschwister miterleben müssen, schildert die in farbenfrohe Stoffe gehüllte Sahra, während ihre Nichte stumm und etwas verstört neben ihr steht.

Geschichten wie diese hört man im Camp Qoloji, das rund 500 Kilometer östlich der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba liegt, an jeder Ecke. Qoloji 1 wurde 2016 errichtet und ist derzeit Zuhause für etwa 27.000 Menschen. Qoloji 2, aufgrund von eskalierenden Konflikten zwischen der Oromia- und der Somali-Region Ende 2017 errichtet, beherbergt heute rund 37.000 Menschen. Es sind ausschließlich Somalis, die hier leben und meist von Oromos verjagt wurden.

Einige kommen von weit her. Für Sahra und ihre Nichte dauerte es einen Monat - zu Fuß - bis sie Qoloji schließlich erreichten. Viele sind aber, so wie Abdullah, nur wenige Kilometer entfernt aufgewachsen. Mit ihrer Heimat verbinden sie aber die schrecklichen Erfahrungen der Vertreibung. „Niemals könnte ich zurückkehren an den Ort, an dem meine Familie so brutal abgeschlachtet wurde“, sagt die 60-jährige Kayro, die seit seiner Errichtung in Qoloji lebt. Zwar erwähnt sie immer wieder, wie dankbar sie der Regierung für die Aufrechterhaltung des Camps sei - „wir werden aber immer mehr Leute, das Essen ist knapp, es gibt immer mehr Krankheiten“, erklärt Kayro. Sie hoffe deshalb auf baldiges „Resettlement“ in der Somali-Region.

Tatsächlich musste das World Food Programme in der Vergangenheit die Nahrungsmittelrationen immer wieder kürzen. Es sei schwer, die Hilfe zu planen. Einerseits weil die Konflikte nur schwer vorhersehbar sind, andererseits weil die versprochenen Geldmittel internationaler Geber teilweise nicht oder verspätet kommen, sagt ein WFP-Mitarbeiter. So kann die Organisation von der einen Million Binnenflüchtlinge in der Region nur knapp ein Drittel unterstützen. Österreich unterstützt das WFP bei der Versorgung der IDPs bereits seit Längerem, anlässlich seines Besuches in Äthiopien kündigte Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) am Samstag zusätzliche Mittel von 1,5 Mio. Euro für das WFP an.

Neben dieser humanitären Hilfe ist aber auch eine langfristige Lösung zur Beilegung der Konflikte notwendig, sind sich Experten einig. Die Bevölkerung muss regenunabhängig gemacht werden, es braucht besseres Know-How und Technologie in der Agrarwirtschaft um auch bei wenig Regen genug Ernte erwirtschaften zu können. Und natürlich gilt es, mehr Jobmöglichkeiten zu schaffen und über Familienplanung das hohe Bevölkerungswachstum in den Griff zu bekommen.

Sind die Streitigkeiten um Land und Ressourcen unter den Viehzüchtern - 80 Prozent der Bevölkerung in der Region leben von der Landwirtschaft - einmal beigelegt, seien auch die ethnischen Spannungen nicht mehr relevant, zeigt sich der WFP-Mitarbeiter überzeugt. Und wenn die Politik diese nicht mehr für ihren eigenen Machterhalt missbraucht, könnte das tatsächlich der Schlüssel für Frieden sein. Mit der neuen Führung in Addis Abeba, aber auch in der Regionalhauptstadt Jijiga, scheint dies tatsächlich erstmals möglich.




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