Letztes Update am Sa, 08.12.2018 23:00

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Eine Operngroteske als Warnschrei: „Die Weiden“ an der Staatsoper



Wien (APA) - Ein Warnschrei, getarnt als Groteske: Mit der Uraufführung von „Die Weiden“ von Johannes Maria Staud und Durs Grünbein heute, Samstag, Abend, hat die Wiener Staatsoper eine bitterböse Abrechnung mit der conditio austriaca - und damit zugleich ein Lehrbuchexemplar eines österreichischen Theatermahnmals herausgebracht.

Das Stück, in dem Nationalismus, Hetze und Fremdenhass mit dickem Pinselstrich und einer dringend notwendigen Portion Absurdität an den Pranger gestellt werden, erzählt anhand einer Flussreise, die unschwer erkennbar an der Donau in Ostösterreich angesiedelt ist, vom Versinken einer Gesellschaft im braunen Strom, verziert mit pseudointellektuellen Bierzeltreden und vollendet durch die Verwandlung von Menschen in hässliche, gleichförmige Karpfen. Regisseurin Andrea Moses inszenierte die ungeschminkte Gegenwartsparabel mit viel Pragmatismus, setzt ein bisschen gar viel auf Filmeinspielungen und sorgt mit Sinn für beiläufige Pointen für eine ganze Reihe starker Szenen.

Johannes Maria Stauds charakteristische Tonsprache, die Elektronisches beinahe gleichwertig in ihre Textur integriert, reich an Zitaten und Collagen ist und sich über weite Strecken auf den gesprochenen statt gesungenen Text verlässt, sorgt für hohe Spannung und vermittelt emphatisch die Dringlichkeit einer nur noch knapp zu vereitelnden Katastrophe, das Libretto von Durs Grünbein verwebt Zitate aus dem aktuellen politischen Diskurs geschickt in ein düsteres Sprachpanorama am schmalen Grat zwischen Heimat und Hass, zwischen Verdrängtem und Hervorbrechendem. Der laut hörbaren, warnenden Botschaft wird dabei jedoch meist das Primat vor dem Poetischen eingeräumt.

Von einigen fest entschlossenen Buhrufern abgesehen zeigte sich das Publikum einverstanden und spendete den Protagonisten und Machern langen Applaus. Rachel Frenkel, die sich wegen einer Stimmbandentzündung Nachsicht erbeten hatte, wurde für ihre Hauptrolle als kritische Fremde Lea gefeiert, Tomasz Konieczny für seine kraftstrotzende Darstellung des heimkehrenden Peter.

(S E R V I C E - „Die Weiden“ von Johannes Maria Staud und Durs Grünbein in der Wiener Staatsoper. Dirigent: Ingo Metzmacher, Regie: Andrea Moses, Bühne: Jan Pappelbaum, Kostüme: Kathrin Plath, Licht: Bernd Purkrabek. Mit Rachel Frenkel - Lea, Tomasz Konieczny - Peter, Thomas Ebenstein - Edgar, Andrea Carroll - Kitty, Sylvie Rohrer - Fernsehreporterin, Udo Samel - Krachmeyer, Monika Bohinec - Leas Mutter, Herbert Lippert - Leas Vater, Donna Ellen - Peters Mutter, Alexandru Moisiuc - Peters Vater, Wolfgang Bankl - Demagoge, Katrina Galka - Fritzi, Jeni Houser - Franzi. Weitere Aufführungen am 11., 14., 16. und 20. Dezember. www.staatsoper.at)

(Die APA wird morgen, Sonntag, eine ausführliche Kritik senden.)




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