Letztes Update am Di, 08.01.2019 07:03

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Brexit - Drei Musiker über „Die letzten Tage“ eines Königreichs



Wien (APA) - Üblicherweise ist die Bühne ihr Zuhause: Gitarre in Händen, Mikrofon vor dem Gesicht. Doch diesmal sitzen die drei Musiker um einen Tisch in einem Wiener Cafe und debattieren über ein politisches Thema, den Brexit. Stuart Neville, Mark Peters und Shane O Fearghail leben zwar in Wien, sind aber alle davon betroffen. Ein Schotte, ein Engländer und ein Ire über „die letzten Tage“ eines Königreichs.

Die drei Singer-Songwriter, die seit mehreren Jahren ihren Lebensmittelpunkt in Österreich haben, beobachten die Vorgänge in Großbritannien sehr genau. Verständlich, gibt es doch familiäre Bande, freundschaftliche Bezüge und ein persönliches Interesse. Was vor mehr als zwei Jahren mit dem Brexit-Referendum losgetreten wurde, ist für Peters mittlerweile in erster Linie „sehr traurig“. „Ich habe meine Heimat immer als Teil einer europäischen Kultur gesehen“, so der gebürtige Londoner, „und jetzt zu sehen, wie sie aus dieser herausgerissen wird, ist schlimm.“ Wenige in seinem Freundeskreis hätten für den Austritt gestimmt, keiner will mittlerweile wirklich darüber reden. „Es herrscht so ein Durcheinander. Viele sind einfach enttäuscht.“

So ist es für den Engländer, der seit eineinhalb Jahren auch über einen irischen Pass verfügt („Das Brexit-Votum hat diese Entscheidung beeinflusst“), als ob man „die letzten Tage“ von Großbritannien erleben würde. Eine Einschätzung, die Neville teilt: Für den in Perth (Schottland) aufgewachsenen Sänger, der seit mehr als zehn Jahren in Wien lebt, gibt es „nichts, das weniger vereint ist im Moment. Alles, was schief gehen hätte können, ist schief gegangen.“ Er selbst sei noch „in Zeiten von stabilen Regierungen“ groß geworden - „unabhängig davon, dass wir die Thatcher-Jahre gehasst haben“, so der 41-Jährige: „Heute aber kannst du bei nichts sicher sein.“

Damit spielte Neville auf etliche politische Brexiteers an, die in den vergangenen Monaten das Handtuch geworfen haben. „Außerdem leben wir in einer postfaktischen Zeit. Man ist so erfolgreich darin, Experten und Fakten in Abrede zu stellen, dass diese Dinge nichts mehr bedeuten. Das Vertrauen ist gänzlich verschwunden - nicht nur in die Politiker, sondern auch in die Medien.“ Missinformationen sind für die drei befreundeten Künstler, die gemeinsam auch den Vienna Songwriting Circle betreiben, mit ein Grund, warum es 2016 ein Votum gegen den Verbleib in der EU gab. „Zudem haben jene, die das Referendum losgetreten haben, eigentlich nicht mit einem Sieg gerechnet“, wirft Neville ein.

Für den Schotten ist das Thema insofern höchst emotional, als er sich bereits 2014 eine Unabhängigkeit seines Heimatlandes von Großbritannien gewünscht hätte - damals entschieden sich die Schotten aber mit knapper Mehrheit, bei England zu bleiben. Nun müssen sie, trotz proeuropäischem Teilergebnis im Brexit-Votum, wohl oder übel die EU verlassen. Allerdings sieht Neville hier auch eine Chance: „Wird der Brexit wirklich durchgezogen, bringt das ein weiteres schottisches Unabhängigkeitsreferendum näher, aber auch ein vereinigtes Irland.“

Letzteres ist natürlich O Fearghail ein Anliegen. Nimmt er an sich ein bisschen „die Außensicht in dieser Diskussion“ ein, so sieht er grundsätzlich die grüne Insel sehr wohl „der Politik in Westminister ausgesetzt - und das, seit ich mich erinnern kann, eigentlich seit 800 Jahren. Aber die Iren wollen sich jetzt auf die Zukunft konzentrieren und nicht an London denken.“ Die Grenze zu Nordirland „war ja immer eine britische, und keine von uns“, unterstreicht O Fearghail. „Eine harte Grenze im Falle eines Brexit würde zu noch härteren Entscheidungen führen“, ist er sich sicher. „Deshalb kann ich mir das auch nicht vorstellen. Keiner von uns will in diese Richtung gehen, wir haben das bereits überwunden.“

Entsetzt zeigt O Fearghail, der als Musiker derzeit zwischen Wien und Irland pendelt und in ganz Europa auftritt, wie der politische Diskurs mittlerweile abläuft. „Etwa der Tag, an dem Theresa May ihren Deal dem Parlament vorgestellt hat: Erwachsene Männer haben eine Frau, ihre Premierministerin, ausgelacht! Das sagt doch viel über den Zustand der Politik aus, nicht? Egal, auf welcher Seite du stehst, den demokratischen Prozess solltest du respektieren. Ich war wirklich angewidert davon, dass man eine Person so behandelt.“

Mit ein Grund für den Brexit ist aus Sicht der drei Musiker die soziale Ungerechtigkeit, allen voran in England. „Es gibt so viele gesellschaftliche Probleme“, betont Peters, „es gibt große Gräben in der Bevölkerung. Außerdem haben sich viele Briten nicht als Teil von Europa wahrgenommen, obwohl sie in der EU sind. Sie standen gewissermaßen darüber.“ Neville geht einen Schritt weiter und stellt die Frage nach der englischen Identität. „Sie wissen nicht, wer sie sind. England hat sich immer über sein Reich definiert, aber das gibt es in dieser Form nicht mehr.“

Für Peters zeigt sich seine alte Heimat nicht gerade von der besten Seite, wenn gegenüber der EU immer neue Forderungen gestellt werden, gleichzeitig aber eine einheitliche britische Linie unrealistischer denn je erscheint. „Jeder sieht England als verwöhntes Balg, das denkt, dass es alles haben kann. Aber so einfach läuft das nicht. Wir sind ja die Lachnummer in Europa! Die Leute schauen sich dieses Chaos an und fragen sich: Was machen sie nur?“ Auch für Neville sind die Vorkommnisse auf die Spitze getrieben. „Jede Satire verblasst dagegen“, nickt der schottische Künstler.

Aber wie aus dem Schlamassel wieder rauskommen? Da gibt es auch bei den Gesprächspartnern eher fragende bis resignierende Gesichter. Wie es weiter geht, könne man derzeit nicht seriös sagen. „Ich bin einfach um die junge Generation besorgt“, gibt Neville zu verstehen. „Die haben sich das nicht ausgesucht, wie wir wissen. Der Rest wird in einigen Jahrzehnten tot sein und nicht mit den Konsequenzen leben müssen.“ Die Freizügigkeit im Reisen, sich seinen Lebens- und Arbeitsmittelpunkt auswählen zu können - davon haben Neville und Peters noch profitieren können. Doch wie wird es nach einem Brexit aussehen? „Das Referendum damals war wie eine Blindabstimmung: Niemand wusste, was danach kommen würde“, resümiert Neville: „Und das ist immer noch der Fall.“

(Das Gespräch führte Christoph Griessner/APA)




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