Letztes Update am Di, 08.01.2019 08:38

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„Brechts Berlin“: Eine Stadt mit „schamloser Großartigkeit“



Berlin (APA/dpa) - Auf seiner ersten Zugreise von Augsburg nach Berlin erinnert sich der junge Bertolt Brecht an eine frühe Liebe und schreibt mit der „Erinnerung an Marie A.“ eines seiner berühmtesten Gedichte. Brecht ist im Februar 1920 wenige Tage nach seinem 22. Geburtstag auf dem Weg in die Stadt, die nach seinen Worten überfüllt war „von Geschmacklosigkeiten, aber in was für einem Format“.

In Berlin sollte er mit der „Dreigroschenoper“ im Theater am Schiffbauerdamm 1928 einen seiner größten Triumphe erleben. Nach dem Krieg wird er in eben diesem Theater zusammen mit Helene Weigel das später weltberühmte Berliner Ensemble gründen. Michael Bienert stellt in einem reich bebilderten und detailliert recherchierten literarischen Spaziergang durch „Brechts Berlin“ (Verlag für Berlin-Brandenburg) diese Stationen vor.

Für Elias Canetti war die „Dreigroschenoper“ mit der Musik von Kurt Weill, deren Schauplatz eigentlich London ist, in Wahrheit der „genaueste Ausdruck“ des damaligen Berlin, genau gesehen und beobachtet von Bertolt Brecht aus der Provinz. Und dieses verrückte Berlin war die Stadt, die ihn brauchte, wie der junge Dichter euphorisch vermutete, die ihn „klug macht“ und die ihn verstand, wie er meinte. „Ich liebe Berlin, aber m.b.H.“ (also „mit beschränkter Haftung“), schreibt Brecht Anfang der 20er-Jahre, denn „der Schwindel Berlin unterscheidet sich von allen andern Schwindeln durch seine schamlose Großartigkeit“. Dabei hatte die Stadt ihm bei seinen ersten Besuchen „zu verstehen gegeben, daß man auf mein Vorhandensein in dieser Stadt keinen direkten Wert legte“ - ein Gefühl, das viele Berlin-Zuwanderer teilten und wohl immer noch teilen und dennoch nicht abschreckt, im Gegenteil.

Der literarische Spaziergang durch „Brechts Berlin“ von Michael Bienert erweist sich nicht nur als reich bebilderter stadthistorischer und kulturpolitischer Führer durch das Berlin der Weimarer Republik mit ebenfalls gut dokumentierten Nachkriegskapiteln, als Brecht in den „Schutthaufen bei Potsdam“ übersiedelte. Das Buch ist auch eine kleine, kompakte und gut lesbare Brecht-Biografie mit dem Fokus auf Berlin. Kein Dichter habe so sichtbare Spuren in Berlin hinterlassen, betont der Verlag. Dennoch seien die meisten Brecht-Orte und Berlin-Bezüge wenig bekannt. Auch wer sich für Berliner Theatergeschichte und ihre verschiedenen Häuser mit ihrem oft wechselvollen Leben interessiert, wird gut bedient.

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Brecht arbeitete damals bald am Deutschen Theater (Max Reinhardt), wo er sein frühes Stück „Trommeln in der Nacht“ („Spartakus“) probte. Gleichzeitig tauchte er in die Künstlerszene rund um die Gedächtniskirche ein, die der spätere NS-Propagandaminister Joseph Goebbels als „dekadenten Westen“ Berlins hasste, was ihn nicht an einer außerehelichen Affäre mit einem Ufa-Star hinderte. Zentren waren das Café des Westens am Kurfürstendamm, auch „Café Größenwahn“ genannt, mit Stammgästen wie Frank Wedekind, Christian Morgenstern, Alfred Döblin und Max Reinhardt, und das legendäre Romanische Café, der „Wartesaal der Talente“, unter anderem mit Erich Maria Remarque, Erich Kästner, Stefan Zweig und dem jungen Billy Wilder.

Solche Treffpunkte waren die damaligen „Netzwerke“ für die Künstlerwelt und Brecht stellte seinen Tagesablauf darauf ein, wie im Buch aus seinen Tagebuchnotizen zitiert wird. „Traf Klabund im Café...dann fuhr ich im untergrund in die Scala“, dann ging es ins Restaurant, „wo mich Granach vielen Theaterleuten vorstellte, und gondelte um zwei Uhr mit einer Zigarre heim“ - in der Nacht.

Brecht hat an mehreren Theatern der damaligen Reichshauptstadt gelernt und gearbeitet, sogar in der Alten Philharmonie, die im Krieg zerstört wurde, gab es eine Premiere („Die Maßnahme“). Besonders profitierte er auch vom politischen Experimentaltheater Erwin Piscators im Theater am Nollendorfplatz. Und als die Schauspielerin und spätere Ehefrau Helene Weigel am Renaissancetheater gefeiert wurde, wohnte und arbeitete Brecht gleich nebenan in der Hardenbergstraße. Sein „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ wurde 1931 im Theater am Kurfürstendamm umjubelt, anders als bei der Leipziger Uraufführung. Für das Große Schauspielhaus Max Reinhardts, eine ehemalige Zirkus-Arena mit 3200 Zuschauerplätzen, plante der junge und ehrgeizige Brecht gleich eine Dramentrilogie („Asphaltdschungel“). Im kleineren Haus gegenüber erlebte er schließlich 1928 im Theater am Schiffbauerdamm mit der Uraufführung der „Dreigroschenoper“ mit der Musik von Kurt Weill seinen größten Triumph in der Weimarer Republik, einer der größten Theatererfolge bis 1933 überhaupt.

Dieses Haus war dann auch Brechts Ziel nach seiner Rückkehr nach Berlin, um im Ostteil der Stadt ausdrücklich den sich bald etablierenden zweiten deutschen Staat zu unterstützen. Er wollte unbedingt mit dem bald mit Helene Weigel gegründeten Berliner Ensemble im Theater am Schiffbauerdamm einziehen, vielleicht auch in Reminiszenz an seinen Durchbruch vor dem Krieg mit der „Dreigroschenoper“. Bis es soweit war - die ostdeutschen Kulturoffiziellen zögerten und wollten das Theater eigentlich der neugegründeten kasernierten Volkspolizei überlassen - spielte Brecht im nahe gelegenen Deutschen Theater. Während der dortigen Proben zu „Mutter Courage“ im Herbst 1948, mitten in der West-Berliner Blockade, wohnte Brecht in der Ruine des Hotels Adlon am Brandenburger Tor. Am 1. Mai 1950 ist der Dichter Ehrengast auf der Staatstribüne vor der Schlossruine beim Vorbeimarsch der Volksmassen.

Wenige Monate nach dem Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953, als Brecht seine (kritische) Loyalität mit der SED zeigte, durfte er endlich mit Helene Weigel das Theater am Schiffbauerdamm als künftige Spielstätte des Berliner Ensembles übernehmen. Damit einher ging auch der Wohnungswechsel vom abgelegenen Weißensee in die zentrale Chausseestraße 125, die heute Brecht-Gedenkstätte ist und neben dem Dorotheenstädtischen Friedhof liegt, wo Brecht und Weigel auch begraben sind.

(S E R V I C E - Michael Bienert: „Brechts Berlin. Literarische Schauplätze“. Verlag für Berlin-Brandenburg (vbb), 200 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, 25,70 Euro)




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