Letztes Update am Do, 10.01.2019 07:04

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Musikvereinschef Thomas Angyan: Nachfolger soll Ende März feststehen



Wien (APA) - Mit Thomas Angyan verlässt am 30. Juni 2020 der legendäre Intendant des Wiener Musikvereins seinen Posten. Die APA sprach aus gegebenem Anlass mit dem 65-Jährigen über die Suche nach seinem Nachfolger, die Teilung seines Postens in künstlerische und kaufmännische Leitung sowie seine persönlichen Karrierepläne.

APA: Die Ankündigung Ihres Rückzuges Ende November ist sehr dezent geschehen und für viele Außenstehende dann doch überraschend gewesen...

Thomas Angyan: Zwischen der Direktion und mir ist die Entscheidung schon weit länger festgestanden. Ich hatte gebeten, nach unserem 150-Jahr-Jubiläum aufhören zu dürfen. Wir wollten die Entscheidung aber erst eineinhalb Jahre vor dem Wechsel bekannt geben.

APA: Warum haben Sie sich entschieden, jetzt zu gehen?

Angyan: Ich werde dann 67 Jahre alt sein. Und man soll aufhören, wenn die Leute denken: Schade, dass er geht. Auch habe ich viele Dinge im Musikverein weitergebracht, wozu als spektakulärster Punkt sicher die Neuen Säle gehören, die so gut laufen, dass wir manchmal nicht alles unterbringen, was wir gerne wollten. So kann ich meinem Nachfolger mit gutem Gewissen sagen: Du bekommst ein voll funktionsfähiges Haus ohne Baustellen im übertragenen Sinn. Das bedeutet nicht, dass mein Nachfolger alles weiterführen muss. Ich hinterlasse aber kein Problemfeld. Und der letzte Punkt ist das 150-Jahr-Jubiläum, das ich auch noch mitfeiern wollte.

APA: Wie sieht nun der konkrete Zeitplan für die Suche nach Ihrer Nachfolge aus?

Angyan: Wir sind zwar nicht verpflichtet auszuschreiben, Interessenten sind aber eingeladen sich zu bewerben. Die Direktion wird sich zusammensetzen und zunächst noch im Jänner eine erste Sichtung vornehmen. Ich bin zuversichtlich, dass es dann bis Ende März einen designierten Nachfolger gibt - damit er oder sie Zeit hat sich vorzubereiten. Und wahrscheinlich wird es ja auch jemand sein, der jetzt in einem Vertragsverhältnis steht und die eigenen Dinge regeln muss.

APA: Viel Zeit bleibt dem oder der Neuen dennoch nicht für die Planung...

Angyan: Die erste Saison - also 2020/21 - ist im Endeffekt schon vorausgeplant und meiner Nachfolge im Orchesterbereich die großen Linien vorgegeben. Aber ich kenne keinen Intendanten, der sich beschweren würde, dass man ihm einen Termin mit den Berliner Philharmonikern fixiert. Bei der Kammermusik oder den Liederabenden kann man auch kurzfristiger planen. Anfragen für 2021/22 blocke ich hingegen weitgehend ab. Beispielsweise ist jemand an mich mit der Idee einer konzertanten Serie von Barockopern herangetreten - aber das muss meine Nachfolge entscheiden.

APA: Muss ein Nachfolger wie Sie ein Mensch der Finanzen und der Musik sein?

Angyan: Eindeutig ja. Dennoch wird es bei uns künftig eine Teilung in eine kaufmännische und eine künstlerische Leitung geben. Der Intendant bleibt aber weiterhin die Vertretung nach außen. Die Direktion sucht nun zunächst den Intendanten.

APA: In wieweit sind Sie in die Suche eingebunden?

Angyan: Völlig informell, aber ich stehe zur Verfügung, wenn man mich fragt.

APA: Ich fürchte, einen Wunschnamen werde ich von Ihnen nicht hören. Aber sollte ihre Nachfolge aus Österreich stammen?

Angyan: Das ist nicht zwingend. Er oder sie muss nur gut Deutsch sprechen können.

APA: Sehen Sie angesichts der guten Zahlen den Peak im Konzertgeschäft erreicht? Werden auch in Zukunft teure Residenzen ausländischer Orchester finanzierbar sein für Ihre Nachfolge?

Angyan: Das wird zunehmend schwieriger. Ich möchte an der Preisgestaltung für die Abonnements aber bewusst nichts ändern. Allgemein glaube ich bezüglich des Publikumsinteresses auch nicht, dass der Peak erreicht ist. Nach Wien kommt man einfach wegen Kultur und Musik.

APA: Wäre dementsprechend sogar eine weitere Expansion des Musikvereins räumlich denkbar?

Angyan: Ich sehe das nicht innerhalb dieses Gebäudes. Aber vielleicht könnte man noch mehr nach außen gehen mit Projekten. Ich glaube, dass man im Bereich der edukativen Programme noch das eine oder andere Neuland betreten könnte. So könnte man das Konzept „Club20“ ausweiten oder noch einen Schritt weitergehen, etwa für die Über-30-Jährigen.

APA: Wie sehen Sie die Zukunft der Kooperation mit den Wiener Festwochen?

Angyan: Zuletzt war die Gründung des Musikvereinsfestival nach dem Rückzug der Festwochen ein schöner Erfolg. Ich bin aber durchaus offen für ein Gespräch mit dem neuen Festwochen-Intendanten Christophe Slagmuylder. Ich fürchte, für 2020 wären Ideen zu spät. Aber die Schiene für 2022 zu legen, bin ich gerne bereit. Nicht wir haben den Schritt zum Bruch gesetzt.

APA: Zum Abschluss der Blick auf Ihre persönliche Zukunft: Wohin zieht es Sie nach dem 30. Juni 2020?

Angyan: Ich werde nach 32 Jahren Gesellschaft der Musikfreunde und 10 Jahren Jeunesses musicales sicher kein anderes Haus übernehmen oder erneut einen Fulltimejob annehmen. Aber ich mache ja derzeit schon viele Aufgaben zusätzlich wie meinen Einsatz für die Ernst-von-Siemens-Musikstiftung mit ihrem Fördervolumen von 3,5 Millionen Euro jährlich oder meine Position im Gustav-Mahler-Jugendorchester, das ich mit Claudio Abbado mitbegründet habe, oder beim Zemlinsky-Fonds. In Japan bin ich Berater eines Wiener Musikfestivals, ich werde um Rat gefragt, wenn es um den Bau neuer Konzertsäle oder um die Organisation von Kulturinstitutionen geht. Ich möchte aber auch mehr Zeit für meine Familie haben. Mich interessiert so vieles, ich möchte Kulturen anderer Länder studieren.

APA: Sie möchten mit dem Campingbus durch die Lande ziehen?

Angyan: Das wohl nicht. (lacht) Aber vielleicht mit dem Auto, das habe ich noch nicht fixiert. Es wird jedenfalls ein Unruhestand.

(Das Gespräch führte Martin Fichter-Wöß/APA)

(B I L D A V I S O - Fotos von Thomas Angyan wurden zuletzt am 29. November 2018 über den AOM verbreitet und sind dort abrufbar.)




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