Letztes Update am Sa, 12.01.2019 11:41

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Doppelmord am Theater der Jugend: „Schuld und Sühne“ für 13-Jährige



Wien (APA) - Der Mord an der gierigen Pfandleiherin und ihrer naiven Schwester findet in Zeitlupe statt. Der Student Raskolnikow schwingt die Axt und rafft etwas Schmuck an sich. Das Kästchen mit den Millionen übersieht er. Doch Materielles treibt ihn ohnedies nicht an. Was aber dann? Mehr um das Motiv als um Fragen von „Schuld und Sühne“ geht es in Thomas Birkmeirs schnörkelloser Dostojewskij-Dramatisierung.

Der Intendant des Theaters der Jugend erspart in dieser Saison seinem jungen Publikum viele eigene Lektürestunden und bringt u.a. die Romane „Der kleine Lord“, „Oliver Twist“ und „Frankenstein“ auf die Bühne - idealerweise als Anstoß fürs eigene Lesen und Denken. Auch bei „Schuld und Sühne“, im Taschenbuch immerhin über 750 Seiten stark, setzt er in seiner Bearbeitung für Publikum ab 13 Jahren, die am Freitag im Theater im Zentrum Premiere hatte, auf Straffung und Nachvollziehbarkeit der Handlung. Der 1866 erschienene Roman, gelegentlich - u.a. von der berühmten Übersetzerin Swetlana Geier - mit „Verbrechen und Strafe“ übersetzt, ist aber kein Krimi, sondern eine äußerste Zuspitzung philosophischer und ethischer Fragen.

Versuchen heute Ermittlungsorgane die Motive jugendlicher Verbrecher zu ergründen, bekommen sie nicht selten Begründungen wie „Ich wollte ausprobieren, wie es ist, jemanden zu töten“, zu hören. Rodion Raskolnikow, ein hochbegabter junger Mann, dem seine Familie unter Entbehrungen ein Jus-Studium ermöglicht, geht es weniger um die persönliche Gewalterfahrung als um die theoretische Gewalterlaubnis. Er hat sogar eine kleine Schrift im Eigenverlag herausgebracht, in der er die Frage diskutiert (und bejaht), ob manche auserwählte Menschen sich aus höheren Motiven zu Herren über das Schicksal anderer machen dürfen. Für Birkmeier sind solche Überlegungen zum Übermenschentum, die etwa von Friedrich Nietzsche in seinen Schriften diskutiert und von den Nationalsozialisten in massenmörderische Praxis umgesetzt wurden, heute wieder gefährlich aktuell.

Jakob Elsenwenger, ohne Zweifel ein hochbegabter Schauspieler und 2017 für einen Nachwuchs-Nestroy nominiert, lässt seinen Raskolnikow in einem angedeuteten, nicht hermetisch geschlossenen Gitterkäfig (Bühne: Andreas Lungenschmid) wie ein eingesperrtes Tier umhertigern - fiebrig, fahrig, sprunghaft, mit sich und der Welt verzweifelt. Er ist mehr getriebener, ziemlich sicher kranker Außenseiter als ein kühl kalkulierender Ideologe, der die Welt verbessern will ohne Rücksicht auf Kollateralschäden. Dabei hat er das Glück einer ihm ausgesprochen zugewandten Umgebung, die in ihm weniger große Grausamkeit als große Empathiefähigkeit entdecken möchte.

In kurzen Szenen, unterbrochen von allmählich nervenden, treibenden musikalischen Zwischenspielen aus dem reichen russischen Klassik-Repertoire, kümmern sich sein Freund Rasumichin (Michael Köhler), sein Dienstmädchen Nastassja (Claudia Waldherr), seine Schwester Dunja (Kim Bormann, die Premiere trotz einer Sturzverletzung vom Vortag bravourös meisternd), ja sogar Inspektor Porfirij (Jürgen Heigl) geradezu rührend um ihn. Shirina Granmayeh, Sara Livia Krierer, Okan Cömert, Kaj Louis Lucke und Matti Melchinger sorgen in wechselnden Rollen dafür, dass auch die Nebenstränge des Romans behandelt werden.

Raskolnikow wird überführt und bestraft. Der lebhaft akklamierte, mit Pause zweieinhalbstündige Abend, endet mit einem Verweis auf die Bibel: Ein Mann, der seine Sünden gebüßt habe, sei besser als jemand, der niemals gesündigt habe. Schon allein darüber ließe sich lange nachdenken. Es muss ja nicht unbedingt in der Form eines Problemaufsatzes sein.

(S E R V I C E - „Schuld und Sühne“ nach Fjodor M. Dostojewskij von Thomas Birkmeir, Regie: Thomas Birkmeir, Bühne: Andreas Lungenschmid, Kostüme: Irmgard Kersting. Mit Jakob Elsenwenger, Jürgen Heigl, Shirina Granmayeh, Kim Bormann, Sara Livia Krierer, Claudia Waldherr, Okan Cömert, Michael Köhler, Kaj Louis Lucke und Matti Melchinger. Theater im Zentrum, Wien 1, Liliengasse 3, Vorstellungen bis 27. März, www.tdj.at)

(B I L D A V I S O – Pressebilder stehen unter https://www.tdj.at/downloads-und-pressefotos/ zum Download bereit.)




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