Letztes Update am So, 13.01.2019 12:03

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Raus aus der Armut? - Armenier setzten auf Hoffnungsträger Paschinian



Eriwan (APA/dpa) - Wer bei der jungen Armenierin Deutsch lernt, sieht seine Zukunft nicht mehr nur in der armen Heimat. Astghik Tarloian unterrichtet Sprachen in der Hauptstadt Eriwan am Kaukasus. „Es gibt Deutschlerner, die in Deutschland bessere Berufschancen haben als bei uns hier. Das sind meistens Ärzte“, erzählt die 34-Jährige.

Andere ihrer Schüler möchten im deutschsprachigen Raum studieren oder sich weiterbilden - „und dann wieder zurückkehren“. Seit Nikol Paschinian im Mai nach Massenprotesten an die Regierungsspitze kam, haben die Menschen in der Ex-Sowjetrepublik Armenien so etwas wie Hoffnung. Doch kehren sie nun in ihre Heimat zurück? Experten sind skeptisch.

Noch kann Tarloian nicht davon erzählen, dass frühere Schüler massenhaft zurückkehren. „Viele Armenier im Ausland warten mit großer Begeisterung darauf, dass sich die wirtschaftliche und soziale Lage im Land verbessert, damit sie zurückkommen.“ Dafür müsse in erster Linie die soziale Sicherheit gewährleistet werden mit Arbeit, Krankenversicherung und Altersvorsorge, listet die Lehrerin auf, die an einer Universität und auch privat unterrichtet. Die Erwartungen an Ministerpräsident Paschinian sind groß - zu groß, finden Beobachter.

Der Aufbruch soll an diesem Montag offiziell eingeläutet werden, wenn das Parlament nach der Wahl Anfang Dezember zu seiner ersten Sitzung zusammenkommt. Dann steht auch die Wahl des 43-jährigen Paschinians bevor, der im Frühjahr die wochenlangen Straßenproteste gegen Korruption und Günstlingswirtschaft angeführt hat. Er zwang den damaligen Regierungschef Sersch Sarkissian zum Rücktritt und stieg mit der sogenannten Samtenen Revolution zum Interims-Regierungschef auf. Mit seinem Rücktritt im Oktober ebnete er den Weg für die Parlamentswahl.

„Ja, die Situation kann besser werden. Ich sehe aber nicht, dass dies in einem Jahr möglich ist“, glaubt der Politologe Alexander Iskandarian. Armenien habe viele Probleme, zum Beispiel mit Korruption und Armut. Das Land ist außerdem mit den Nachbarn Aserbaidschan und Türkei verfeindet. Iskandarian glaube deshalb nicht an eine schnelle Rückkehr von im Ausland lebenden Armeniern. „Die Menschen verlassen das Land nicht wegen der Politik, sie gehen der Arbeit wegen weg“, sagt der Politologe. Ein solches Land mit guter Perspektive sei für viele Menschen Deutschland.

Der Chef der Deutsch-Armenischen Gesellschaft in Deutschland sieht das ähnlich: „Die Rückkehr nach Armeniern wird speziell für jene, die als Bürger Armeniens nach Deutschland gekommen sind, davon abhängen, wie es im Land wirtschaftlich weitergehen wird“, sagt Raffi Kantiian. „Ich selbst habe solche Äußerungen schon einige Male gehört, aber auch von der konkreten Bereitschaft zur Rückkehr.“ In Deutschland sollen Schätzungen zufolge zwischen 40.000 und 60.000 Armenier leben.

„Für mich kam es bisher nicht infrage, mein Land zu verlassen“, sagt der 20 Jahre alten Narek. Der Modedesigner ging im Frühjahr mit auf die Straße, wie er erzählt. „Zum ersten Mal habe ich mein Land richtig geliebt.“ Er hoffe, dass die Revolution nun zu einem guten Ende geführt werde. Paschinian hatte die Neuwahl damit begründet, dass er im Parlament eine Mehrheit für seine Reformen brauche. Dort hatten die Republikaner in der Opposition die Mehrheit. Sie verpassten aber im Dezember den Einzug in die Nationalversammlung.

Der in der Bevölkerung beliebte Regierungschef kann nun ohne echte Opposition durchregieren. Experten halten das für gefährlich für das kleine Land mit seinen knapp drei Millionen Einwohnern. Politologe Iskandarian sagt: „Wir hatten in Armenien schon einige, die gut waren, bis sie an die Macht kamen. Dann waren sie es nicht mehr.“

(Alternative Schreibweisen: Paschinjan, Pashinyan; Serge/Serzh Sarksyan, Sargsyan, Sarkisian, Sarkisijan, Sarkissjan)




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