Letztes Update am So, 13.01.2019 13:01

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100 Jahre Bauhaus: Kunstschule brachte mehr als Design



Berlin (APA/dpa) - Wer heute ein Stück Bauhaus will, stellt sich zum Beispiel die Kugellampe ins Wohnzimmer: Oben rundes Glas und unten ein Metallfuß. Die Wagenfeld-Leuchte ist eines der Designbeispiele für das Bauhaus, ebenso der Stahlrohrstuhl Freischwinger. Mit der Gründung der Kunstschule hat Architekt Walter Gropius vor 100 Jahren Geschichte geschrieben. Am 16. Jänner startet das Eröffnungsfestival zum Jubiläum.

„Das Bauhaus“ gibt es dabei eigentlich gar nicht, sagt Architekt Philipp Oswalt, der an der Universität Kassel unterrichtet. Das Bauhaus habe zwar nur 14 Jahre bestanden, bis es unter dem Druck der Nationalsozialisten geschlossen wurde. „Aber die Entwicklung ist sehr dynamisch gewesen.“

Als Gropius 1919 in Weimar das „Staatliche Bauhaus“ gründete, hatten die Menschen gerade den Ersten Weltkrieg hinter sich und Deutschland schaffte seine erste Demokratie, die nur kurz währen sollte. Die neue Kunsthochschule in Thüringen sollte Handwerk, Architektur, Kunst und Leben verbinden - quasi als Versuchslabor für eine neue, humanere Gestaltung der Gesellschaft. Lehrer wie Lyonel Feininger, Paul Klee, Wassily Kandinsky und László Moholy-Nagy machten sie im Laufe der Zeit zum Treffpunkt der Avantgarde.

Die Schule wollte natürlich auch Gestalter ausbilden, sagt Oswalt. Aber es habe die Idee gegeben, den Alltag und die Gesellschaft zu verändern. „Das ist etwas, was man mit dem Bauhaus sehr stark verbindet: Die Erwartung, dass der Gestalter in die Gesellschaft hineinwirkt und zur Verbesserung der Alltagswelt beiträgt.“ 1923 kam der Slogan „Kunst und Technik - eine neue Einheit“ auf. Dort schwinge wiederum die Vision einer „technisch-künstlerischen Elite“ mit, einer „Expertokratie“, so Oswalt.

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Design für den Alltag von vielen brachte das Bauhaus dennoch nicht. „Die Bauhäusler haben zwar versucht, die Dinge in Kooperation mit der Industrie seriell aufzulegen und einer breiten Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen“, erklärt Kuratorin Nina Wiedemeyer, die für das Bauhaus-Archiv Berlin eine Jubiläumsausstellung plant. Aber man dürfe das aus ihrer Sicht nicht am heutigen Maßstab messen. „Die uns heute am meisten bekannten Bauhaus-‘Ikonen‘, wie Breuers Stahlrohrsessel oder die Wagenfeld-Lampe, sind schon damals recht teuer gewesen“, so Wiedemeyer. „Der Grund war natürlich das teure Material, das verarbeitet wurde, die kleine Auflage und die Handanfertigung. Es gab keine industrielle Massenproduktion.“

Aus ihrer Sicht wirkt aber vieles nach. „Alleine die Tatsache, dass die Ideen des Bauhauses bis heute wirken und so viele Designer auf der Welt inspirieren, zeigt doch, dass das Versprechen, Design für den Alltag und für viele zu machen, eingelöst wurde“, schreibt sie.

Einen Bestseller habe es später auch gegeben. Die Tapete. Das erklärt auch Architekt Oswalt. Der zweite Bauhaus-Direktor Hannes Meyer habe das Ziel „Volksbedarf statt Luxusbedarf“ verfolgt. Die Tapeten seien viel produziert worden. „Es ist noch nicht Ikea, aber kurz davor.“

Auch Architekten dachten Wohnen neu, etwa mit der Siedlung Dessau-Törten oder dem Weimarer Musterhaus „Am Horn“. Die Unesco zählt die Bauhaus-Stätten in Weimar, Dessau und Bernau zum Welterbe: „Die Bauwerke basieren auf dem Funktionsprinzip, die Form der Gebäude verweigert sich den traditionellen, historischen Repräsentationssymbolen.“

Das Bauhaus zog im Laufe der Jahre mehrmals unter politischem Druck um. Von Weimar nach Dessau nach Berlin. Dort durchsuchte die Polizei 1933 das Gebäude, Studierende wurden festgenommen. Im Juli löste sich das Bauhaus auf. Die Nazis stuften Werke einiger Künstler später als „entartete Kunst“ ein, viele Künstler gingen ins Ausland.

Heute findet man Bauhaus auch in Chicago oder in der „Weißen Stadt“ von Tel Aviv. Das Bauhaus sei vielleicht „der bedeutendste deutsche Kulturexport in die Welt im 20. Jahrhundert“, sagte Architekturhistoriker Winfried Nerdinger im „Deutschlandfunk“.

Doch zuletzt gab es wieder Debatten, weil die Stiftung Bauhaus Dessau ein Konzert der linken Punkband Feine Sahne Fischfilet abgesagt hatte. Direktorin Claudia Perren befürchtete Demonstrationen vor der Tür, nachdem rechte Gruppierungen gegen das Konzert mobil gemacht hatten. Die Stiftung erklärte, die Schule als Unesco-Welterbestätte solle nicht zum Austragungsort politischer Agitation und Aggression werden. Viele Kulturschaffende kritisierten die Absage. „Das Bauhaus ist ein politischer Ort und war ein politischer Ort“, hatte Annemarie Jaeggi, die Direktorin des Bauhaus-Archivs, betont.

Zum Jubiläum ist nun viel Programm geplant. Drei neue Museen entstehen in Weimar, Dessau und Berlin - 52 Millionen Euro gibt es dazu vom Bund. Auch der Einfluss auf Tanz, Theater, Film und Musik soll beleuchtet werden. Bei einer „Grand Tour der Moderne“ können Fans 100 Orte erkunden. Der Reiseführer „Lonely Planet“ empfiehlt Deutschland, auch eine TV-Serie und ein Fernsehfilm sind geplant.

Kuratorin Wiedemeyer sieht derzeit das Problem, dass vieles aus der Moderne automatisch mit dem Bauhaus gleichgesetzt wird. „Weil man mittlerweile glaubt, dass ein Haus mit flachem Dach schon Bauhaus ist.“ Damit machten viele auch Werbung.

Das beschreibt auch Oswalt, einst Bauhaus-Direktor in Dessau. Heute werde oft ein Mythos beschworen. „Es werden immer die gleichen Produkte hoch und runter gebetet.“ Das Interessante am Bauhaus seien aber die Suche und das Widersprüchliche, auch das Scheitern und die Krisen.

Viele Objekte seien Lifestyle-Produkte gewesen und bis heute geblieben. Bei der Wagenfeld-Lampe gebe es eine Ironie: Man habe anfangs versucht, sie als Nachttisch- oder Schreibtischlampe zu verkaufen. „So funktioniert sie aber gar nicht.“ Die Lampe eigne sich ja weniger zum Lesen, sondern schaffe ein diffuses Licht. „Aber nichtsdestotrotz gab es einen Bedarf dafür“, sagt Oswalt. „Es ist in einer Weise ein leuchtendes Markenzeichen: „Ich bin Bauhaus. Ich bin moderne Skulptur“.“




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