Letztes Update am Mo, 14.01.2019 10:33

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Melodram unter Hakenkreuz-Flagge: Takis Würgers Roman „Stella“



Wien (APA) - Berlin 1942. Mitten im Weltkrieg gleicht das Leben in der deutschen Reichshauptstadt einem Tanz auf dem Vulkan. Den Alltag beherrschen Entbehrungen, die Angst vor der Gestapo und vor Bombenangriffen, das geheime Nachtleben setzt sich mit Jazzmusik und teuren Spezialitäten über alle Verbote hinweg. Was wie eine Fortsetzung der Serie „Babylon Berlin“ klingt, ist ein spektakulär missglückter Roman.

Während die Welt in Trümmer geht, reist ein junger Schweizer aus gehobenen finanziellen Verhältnissen - ob aus Langeweile, Neugier oder Tollkühnheit wird nie wirklich geklärt - ausgerechnet in die Hauptstadt von Nazi-Deutschland. Er hat abenteuerlich klingende Geschichten über Möbelwagen gehört, mit denen mitten in der Nacht Leute abgeholt werden, die nie wiederkehren. Er findet Freunde, die sich über das martialische Regime charmant lächelnd hinwegzusetzen scheinen: einen versnobten SS-Offizier namens Tristan, eine bildhübsche junge Frau namens Stella.

Diese Stella ist einer ebenso schillernden wie zwiespältigen Figur nachempfunden, die es wirklich gegeben hat: Stella Goldberg war eine junge Jüdin, die als „Greiferin“ der Gestapo versuchte, die wenigen in Berlin verbliebenen Juden in Fallen zu locken. Auszüge aus ihren späteren Prozessakten unterbrechen kursiv gedruckt - ebenso wie nach Monaten gegliederte Zusammenfassungen von mehr oder weniger relevanten Ereignissen des Jahres 1942 und Goebbels‘ „10 Gebote für jeden Nationalsozialisten“ - immer wieder den Erzählfluss. Sie liegen im Landesarchiv Berlin, wo sie „Tante Eva“ für den Autor (der ihr dafür am Ende des Buches dankt) abgeschrieben hat.

Autor von „Stella“ ist der „Spiegel“-Reporter Takis Würger. Der 33-Jährige, der 2017 sein Romandebüt „Der Club“ veröffentlichte, hat laut Biografie „an der Henri-Nannen-Journalistenschule das Schreiben gelernt“. Und so muss man bei der Lektüre seines zweiten Romans unweigerlich an seinen Kollegen Claas Relotius denken, der unlängst eingestehen musste, viele jener Details und manche seiner Gesprächspartner, die bei seinen ausgezeichneten Reportagen den Leser haunahe am Geschehen teilnehmen ließen, erfunden zu haben. Zerknirscht musste er seine Preise zurückgeben, betroffen erinnerten seine Vorgesetzten an Nannens Vorgabe für die Journalisten des von ihm gegründeten Magazins: „Schreiben, was ist.“

Auch Takis Würger hat mehrere Journalistenpreis gewonnen. Dass er für einen Roman Dinge erfindet, darf man ihm nicht vorwerfen. Was er erfindet, und wie er es erzählt, dagegen sehr wohl. „Stella“ liest sich wie das Drehbuch für einen Film, der sein ganzes Kalkül darauf verwendet, zum Blockbuster zu werden. Sex & Crime, Gestapo & Judenverfolgung, Schuld & Sühne - das Ganze in einen Topf geworfen, verquirlt und anschließend ganz dick aufgetragen. Würgers ganze Konzentration gilt den Effekten. Zurückhaltung, Andeutung, ästhetisches und historisches Bewusstsein für die Wahl der erzählerischen Mittel fehlen.

Trotz (bzw. wegen) aller Eindeutigkeit der Beschreibung, kommt der Roman Stellas „Geheimnis“, den Gründen und den begleitenden Gewissensbissen ihrer Doppelexistenz, doch nie auf die Schliche. „Ich war fasziniert davon, wie in Stellas Leben Leichtigkeit und Terror nebeneinanderlagen. Stella Goldschlag musste als junge Frau Entscheidungen treffen, die so grauenhaft und komplex waren, wie ich sie hoffentlich nie treffen muss“, sagt der Autor. „Stella hat mich dazu gezwungen, Antworten auf Fragen zu finden, die ich nie finden wollte.“ Davon findet sich in „Stella“ allerdings nichts.

„Man beginnt dieses Buch mit Skepsis, man liest es mit Spannung und Erschrecken, man beendet es mit Bewunderung“, wirbt der Hanser Verlag mit einem Urteil Daniel Kehlmanns. Den deutschen Rezensenten ist es bisher großteils exakt gegenläufig gegangen. „Ein Ärgernis, eine Beleidigung, ein Vergehen“, betitelt die „Süddeutsche Zeitung“ ihren Verriss. Einen „Roman voller erzählerischer Klischees“ ortete „Die Zeit“. „Wer braucht diesen Schund?“, fragte die „F.A.Z.“. Der Gegenwind, den „Spiegel“-Reporter derzeit von ihren Kollegen zu spüren bekommen, ist heftig.

(S E R V I C E - Takis Würger: „Stella“, 224 Seiten, Hanser Verlag, 22,70 Euro; Lesung am 25.2., Buchkontor, Wien 15, Kriemhildplatz 1)




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