Letztes Update am Mi, 16.01.2019 10:08

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Andre Eisermann: „Ich habe wohl Leute vor den Kopf gestoßen“



Worms (APA/dpa) - Der Mann ist großes Kino - immer noch. Wenn Andre Eisermann über seinen Beruf spricht, sind „Kaspar Hauser“ und „Schlafes Bruder“ ganz greifbar und wirken nicht ein Vierteljahrhundert alt. „Was ich erlebt habe, geht über das, was ich mir vorgestellt habe, weit hinaus“, sagt Eisermann. Sein Werdegang vom Schaustellerkind zum Kinostar wäre selbst guter Filmstoff. Und es ist noch nicht zu Ende.

„Scheinbar habe ich etwas ausgelöst in den Köpfen der Menschen“, sagt der 51-Jährige. Unweit des mächtigen Kaiserdoms sitzt er in seiner Geburtsstadt Worms und hat wenig von der Intensität eingebüßt, die ihm Filmpreise einbrachte und einst die Tür nach Hollywood öffnete. Wo alles begann, in der Nibelungenstadt am Rhein, lebt er nun wieder.

„Meine Mutter kommt zum Kaffee, meine Tante zum Mittagessen. Ich habe ein schönes Leben.“ Die Wohnungen in Berlin und auf Mallorca hat er aufgegeben. Und, ja - Eisermann hat nie aufgehört, Filme zu drehen. Für „Soko Stuttgart“ oder den „Taunuskrimi“ ist er sich nicht etwa zu schade. Die Leidenschaft für das Große lodert aber weiter in ihm.

„Falls es noch Angebote gibt, für die es sich lohnt, sich zu schinden – dann ja. Aber solche Dinge geschehen selten, und ich finde schade, dass ich wenig davon drehe“, sagt er. Er habe nach den Erfolgen auch zu viel abgelehnt. „Damit habe ich Leuten wohl vor den Kopf gestoßen. Seitdem gelte ich als schwierig.“ Das sei jedoch ein Vorurteil.

An diesem Samstag (19.) geht es aber nicht um Filme: Nach 20 Jahren beendet Eisermann in der Nähe von Worms ein interessantes Literaturprojekt. Nach mehr als 600 Shows ist erstmal Schluss für sein Goethe-Werther-Programm. Ein letztes Mal wird zu erleben sein, wie Eisermann dem wohl berühmtesten Liebeskranken der Weltliteratur seine markante Stimme leiht. Auf der Bühne, angestrahlt von blauem Licht, wird Eisermann gleichsam zu Werthers Bruder.

„Ich habe Lust, in diese großen Gefühle einzusteigen. Es ist ein Genuss, so etwas sprechen zu dürfen“, schwärmt Eisermann auch noch nach zwei Jahrzehnten auf Tour von Goethes Sturm-und Drang-Werk „Die Leiden des jungen Werther“ (1774). Kongenial begleitet wird er vom Pianisten Jakob Vinje. Den damals 25-jährigen Goethe habe sein erster Roman zum „Popstar“ werden lassen, meint Eisermann. „Jungs kleideten sich wie das literarische Vorbild, man trank Tee aus Werther-Tassen, und angeblich gab es sogar von Werther inspirierte Selbstmorde.“

Das Projekt sei Unterhaltung, habe aber auch eine Botschaft. „Mit Goethes Popkultur wollen wir vor allem jungen Menschen vermitteln: Sprache lohnt sich! Das haben wir vom Nationaltheater in Weimar bis zum Wartesaal in Köln gemacht - und jetzt ein letztes Mal in Worms.“

Dem oft verbreiteten Mittelmaß in der Kunst wolle er Geist und Gehalt entgegensetzen, sagt der Schauspieler. Ist Eisermann am Ende ein Missionar? „Vielleicht ist das sogar eine unserer Hauptaufgaben. Theater ist immer ein spannender, unmittelbarer Ort, weil eine Filmkamera nicht weint oder lacht – das Publikum aber sehr wohl.“

Theater hat der Mann mit den markanten hellen Haaren sein Leben lang gespielt, nicht erst unter George Tabori („Die Zauberflöte“) und Paulus Manker („F@lco – A Cyber Show“). Als Sohn von Schaustellern, die mit einer Büchsenwurfbude über Rummelplätze zogen, stand er früh im Rampenlicht. „Meine Karriere hat mit vier Jahren begonnen, auf der Bühne im Bierzelt, zwischen Striptease-Tänzerinnen und Mäuseschluckern“, erzählt er ohne falsche Romantik. „Wenn ich auftrete, bringe ich immer auch dieses Leben mit.“ Man kann Eisermann aus dem Zirkus bekommen - aber den Zirkus nicht aus Eisermann.

Und wie geht es nach Werther weiter? Sein neues Projekt heißt „Fremd sein“, es geht um Flucht, Vertreibung und die Sehnsucht nach Heimat. Es ist wieder ein ambitiöses Programm, mit einem 30-köpfigen Chor und Texten von Heinrich Böll über Karl Valentin bis Paul Celan und Kurt Tucholsky. „Woher kommt die Angst vor Fremden? Das ist, was mich interessiert“, sagt Eisermann. Wenn rechte Politiker Türken als „Kameltreiber“ verunglimpften, sei es wichtig, dem etwas entgegenzusetzen. „Ich mache das mit meinen Waffen, mit der Sprache.“




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