Letztes Update am Mi, 16.01.2019 12:15

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Harte Folgen bei einem harten Brexit



Brüssel (APA/AFP) - Mit der Ablehnung des Brexit-Vertrags durch das britische Unterhaus hat sich das Risiko eines chaotischen EU-Austritts des Vereinigten Königreichs deutlich erhöht. Großbritanniens Mitgliedschaft im europäischen Binnenmarkt und der Zollunion würden dann mit dem Brexit am 29. März schlagartig enden. Die Auswirkungen wären dramatisch:

Rezession und Absturz des Pfund

Der britische Unternehmerverband CBI rechnet bei einem harten Brexit ohne Abkommen mit einem Einbruch der Wirtschaft. Sie könnte demnach um bis zu acht Prozent schrumpfen, was entsprechend Jobverluste und geringere Steuereinnahmen bedeutet. Die Bank von England (BoE) erwartet einen Absturz des Pfund um 25 Prozent. Auch der Immobilienmarkt würde schwer getroffen. Die Zentralbanker gehen von einem Fall der Hauspreise um 30 Prozent aus.

Exporte brechen ein

Die britische Exportwirtschaft würde nach Einschätzung des Kreditversicherers Euler Hermes im ersten Jahr Ausfuhren im Wert von 30 Mrd. Pfund (knapp 34 Mrd. Euro) verlieren. Auch die Kontinentaleuropäer würden wegen der engen Wirtschaftsbeziehungen getroffen. Größte Verlierer wären laut Euler Hermes die deutschen Exporteure mit 8 Mrd. Euro.

Wiedereingeführte Kontrollen

Alle Waren und Personen aus Großbritannien müssen vor dem Überschreiten der EU-Grenzen wieder kontrolliert werden. Allein der deutsche Zoll will 900 zusätzliche Beamte einstellen. Um wenigstens im Reiseverkehr das Schlimmste zu verhindern, will die EU-Kommission Briten „Visa-freies Reisen“ für bis zu 90 Tage ermöglichen - falls London dies umgekehrt „allen EU-Bürgern gewährt“.

Lkw-Schlangen vor den Häfen

Grenzformalitäten könnten für lange Warteschlangen im Güterverkehr sorgen. Im Hafen von Dover dauert die Lkw-Abfertigung derzeit zwei Minuten. Nur zwei Minuten mehr würden laut Betreiber Staus von 27 Kilometern verursachen. Die britische Regierung hat deshalb für über 100 Mrd. Pfund Fährkapazitäten in anderen Häfen gechartert, um Dover zu entlasten.

Versorgungsengpässe

Wegen drohender Lieferengpässe „horten“ britische Unternehmen bereits Importware, die sie für ihre Produktion dringend benötigen. Laut Euler Hermes gibt es „Hamsterkäufe wie nach einer Sturmwarnung“. Inzwischen sind in Großbritannien aber kaum mehr Lagerflächen zu bekommen, da neben Industriebetrieben auch Supermärkte Lebensmittel auf Vorrat bunkern.

Fehlende Arzneimittel

Die Pharmabranche befürchtet massive Lieferengpässe. „Das gilt ganz besonders für die Arzneimittelversorgung in Großbritannien“, erklärt der deutsche Branchenverband VCI. Der CDU-Europaabgeordnete Peter Liese warnt sogar vor Todesfällen: „Wir müssen leider befürchten, dass Patienten wegen mangelnder medizinischer Versorgung sterben müssen.“

Flugzeuge am Boden

Bei einem No-Deal-Brexit würden viele Airlines ihre Lizenzen verlieren, um von und nach Großbritannien zu fliegen. Die britische Regierung will europäischen Airlines deshalb vorübergehend Sondergenehmigungen ausstellen, sofern britische Fluggesellschaften diese auch von der EU bekommen. Auch für die EU-Kommission gehört der Luftverkehr zu den „vorrangigen Bereichen“ für Notfallmaßnahmen.

Autoproduktion lahmgelegt

Die Autoindustrie arbeitet heute quasi ohne Lagerhaltung. Zulieferer stellen Teile „just in time“ bereit, die direkt nach Ankunft verarbeitet werden. Mit Wartezeiten wegen der Zollabfertigung wird dies kaum möglich sein, wie der europäische Autoherstellerverband Acea warnt. Unternehmen arbeiten deshalb an Notfallplänen. So kündigte BMW an, die jährliche Schließung seines britischen Werks für den Mini zu Wartungszwecken direkt auf die Zeit nach dem Brexit zu verlegen.

Milliardenloch im EU-Haushalt

In der EU hätte der Brexit nicht nur für die Wirtschaft und im Reiseverkehr Folgen. Denn im EU-Haushalt würden dann 2019 und 2020 Milliardenbeträge fehlen, die Großbritannien bisher wegen der nach dem Brexit geplanten Übergangsphase zahlen würde. Haushaltskommissar Günther Oettinger müsste dann womöglich geplante EU-Ausgaben etwa für Landwirte oder Forschung global kürzen oder Vorhaben verschieben.




Kommentieren