Letztes Update am Mi, 16.01.2019 13:11

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Briten in Österreich - Hoffen auf neues Referendum und Zukunftssorgen



Wien (APA) - Für britische Staatsbürger in Wien kam die krachende Niederlage von Theresa Mays Brexit-Deal am Dienstagabend nicht unerwartet. Viele von ihnen befürchten nun, dass ein harter Brexit negative Folgen auf ihr Leben in Österreich haben könnte. Allerdings glauben die meisten nicht, dass es wirklich zu einem harten Brexit kommen wird. „Ein komplettes Chaos würde ausbrechen“, meint etwa Ashleigh.

Der 41-jährige Englischlehrer befürchtet jahrelange Konsequenzen im Falle eines ungeregelten Ausscheidens des Vereinigten Königreichs aus der EU. „Nach einem harten Brexit könnten sich meine Arbeitsbedingungen ändern, weil meine Qualifikationen hier womöglich nicht mehr gelten würden“, sagt er. „Ich will auch diesen ganzen Visa-Stress nicht haben.“ Dass eine neuerliche Abstimmung im britischen Parlament etwas ändern würde, glaubt er nicht, weil auch die Labor Party euroskeptisch sei. „Die Leute haben die Nase schon so voll von diesen Verhandlungen“, meint er.

Sorgen um seine Zukunft macht sich auch James. Der 24-Jährige schreibt gerade seine Doktorarbeit an der Universität Wien. „Vonseiten der österreichischen Regierung gibt es keine Kommunikation. Wir wissen gar nicht, welche Optionen wir nach einem No Deal hätten. Es ist eine schwierige und unsichere Zeit. Man schaut paralysiert zu, was drüben (in Großbritannien, Anm.) passiert und verfolgt dieses Durcheinander“, sagt James. Das Gefühl, so weit weg und trotzdem unmittelbar betroffen zu sein, sei befremdlich. Für ihn kann es gar „keinen guten Deal geben ohne die Möglichkeit, dass wir in alle 27 EU-Länder frei einreisen und dort arbeiten dürfen. Wir diskutieren heute über Optionen, die weit von jenen entfernt sind, die wir (oder auch die Leavers) 2016 in Betracht zogen.“

Auch der 31-jährige Steve fände einen harten Brexit „katastrophal für alle Menschen auf beiden Inseln.“ Als Ire würde sich sein Status in Österreich zwar nicht ändern, aber seine Familie an der nordirischen Grenze könnte direkt davon betroffen sein. „Der Hard Brexit würde einen negativen Einfluss auf die dortige Wirtschaft haben. Viele Leute arbeiten auf der einen und studieren auf der anderen Seite der Grenze oder umgekehrt.“

Janet, die seit 20 Jahren in Österreich arbeitet, glaubt hingegen nicht, dass sich etwas ändern wird. Nur das Ein- und Ausreisen könnte etwas schwieriger werden, meint die 42-Jährige. „Am Anfang war ich sehr besorgt, aber nach diesem langen Hin und Her, ohne dass was passiert, prallt irgendwann schon alles an einem ab“, sagte sie lapidar.

Resigniert scheint auch der 47-jährige John: „Was gestern passierte, war keine Überraschung“. Niemand sei mit dem von Premierministerin Theresa May ausgehandelten Deal zufrieden, die Menschen seien viel zu schlecht über den Brexit informiert worden, kritisiert er. „Wenn die Abstimmung nochmals stattfinden würde, glaube ich, dass bis zu 75 Prozent der Bevölkerung für ‚Remain‘ stimmen würden. Ich würde gerne noch ein Referendum haben. Ich sehe es aber leider nicht kommen.“

John befürchtet, dass er Österreich im schlimmsten Fall verlassen müsste - falls er kein Bleiberecht bekäme. „Ich bin kein Hirnchirurg, nur ein Kleinhändler. Großbritannien hat nicht bedacht, dass Leute, wenn sie zurückkehren müssten, ganze Familien mitnehmen würden. Es würden viel mehr Menschen zurückkommen als geplant.“

Auch Kirsten (29) wünscht sich einen EU-Verbleib und ein zweites Referendum. „Erst jetzt sehen wir, was ein EU-Austritt wirklich bedeuten würde. Die Brexit-Kampagne basierte auf vielen Lügen und verschiedenen Interessen - wie der Raum der Wünsche bei Harry Potter. Es wurde immer zu dem, was jemand im Moment brauchte.“




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