Letztes Update am Mi, 16.01.2019 20:36

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Brexit - Deutsche Wirtschaft besorgt über drohendes Chaos



Berlin/London (APA/AFP) - „Verantwortungsloses“ Handeln und ein „Bärendienst“ für beide Seiten: Mit scharfer Kritik hat die deutsche Wirtschaft auf die Ablehnung des Brexit-Abkommens im britischen Parlament reagiert. Einen harten Brexit doch noch zu vermeiden, müsse nun „oberste Priorität“ haben, forderte der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). Siemens-Chef Joe Kaeser optierte für ein zweites Brexit-Referendums.

„Die Ablehnung des Austrittsabkommens ist dramatisch“, beklagte BDI-Hauptgeschäftsführer Joachim Lang. „Wo Vernunft gefragt gewesen wäre, hat die Hysterie gewonnen.“ Der Außenhandelsverband BGA kritisierte, das Unterhausvotum in London sei „wider alle Vernunft“.

Bis zuletzt habe die EU „Brücken gebaut, über die das Vereinigte Königreich leider nicht gegangen ist“, erklärte BGA-Präsident Holger Bingmann. „Mit sehr großer Wahrscheinlichkeit werden wir nun am 29. März einen harten, unkontrollierten Brexit erleben - ohne Übergangsregeln und ohne Handelsabkommen“.

Überall an den Grenzen zu Großbritannien drohten bald Kontrollen den Warenfluss zu stoppen, warnte der BGA-Präsident. Mit ihrer Entscheidung habe die Mehrheit der Abgeordneten des britischen Parlaments ihrem Land einen „Bärendienst“ erwiesen. Unter den Folgen werde Großbritannien deutlich mehr leiden als die EU.

Die deutsche und die britische Wirtschaft sind eng miteinander verflochten: Für Deutschland war Großbritannien bei den Exporten zuletzt der viertwichtigste Handelspartner; aus Sicht des Vereinigten Königreichs belegte die Bundesrepublik zuletzt Rang zwei bei den Exporten und den ersten Platz bei Einfuhren nach Großbritannien.

Gehandelt werden vor allem Maschinen und mechanische Erzeugnisse sowie Autos und Fahrzeugteile. Der Präsident des Maschinenbauverbandes VDMA, Carl Martin Welcker, erklärte, es sei „schlicht verantwortungslos, dass die britische Regierungskoalition zehn Wochen vor dem Austrittstermin noch um eine einheitliche Position streitet“.

Das Parlament in London hatte das mit der EU ausgehandelte Brexit-Abkommen am Dienstagabend mit deutlicher Mehrheit abgelehnt: 432 Abgeordnete stimmten gegen den Austrittsvertrag, 202 votierten dafür. Premierministerin Theresa May will bis kommenden Montag Pläne für das weitere Vorgehen beim Brexit vorlegen.

Die politischen Akteure in Großbritannien müssten sich nun der Tragweite ihres Handelns bewusst werden und „besonnen“ handeln, forderte der Präsident des Verbands der Deutschen Automobilindustrie (VDA), Bernhard Mattes. Vor diesem Hintergrund könne auch eine Verschiebung des Austrittstermins sinnvoll sein.

London und Brüssel müssten jetzt im Gespräch bleiben, mahnte auch der Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI), Utz Tillmann. Ansonsten drohten ernsthafte Folgen: „Bei einem Zusammenbrechen der Lieferketten reicht der Schaden weit über unsere Branche hinaus.“ Deshalb seien spezielle Übergangslösungen unverzichtbar, um die schlimmsten Auswirkungen abzumildern. „Das gilt ganz besonders für die Arzneimittelversorgung in Großbritannien.“

Siemens-Vorstandschef Joe Kaeser sagte dem „Handelsblatt“ (Donnerstagsausgabe), es sei wohl für alle Beteiligten am besten, „wenn man jegliche Form eines ungeordneten Brexit noch einmal dem britischen Volk zur Abstimmung vorlegen würde“. Auch der Groß-Spediteur Klaus-Michael Kühne plädierte im „Handelsblatt“ für „ein zweites Referendum“.

Eon-Chef Johannes Teyssen forderte dem Blatt zufolge in einem Brief an seine Mitarbeiter, dass alle Beteiligten „alle verfügbaren Optionen ausloten um sicherzustellen, dass ein ‚No Deal‘-Brexit vom Tisch genommen wird“.

DIHK-Präsident Eric Schweitzer forderte die deutschen Unternehmen auf, sich nun auf einen ungeregelten Brexit vorzubereiten. Eine Verlängerung der Brexit-Gespräche zwischen London und der EU lehnte er ab: Eine kurze Verschiebung des EU-Austritts werde die Unklarheit wohl nur aufschieben - „letztendlich bliebe der gordische Brexit-Knoten weiter ungelöst“.




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