Letztes Update am Do, 17.01.2019 06:04

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Über Mikromenschen und Blasenwelten: Science Fiction von Cixin Liu



Wien (APA) - Mit seiner „Drei Sonnen“-Trilogie, deren dritter Teil „Jenseits der Zeit“ Anfang April in deutscher Übersetzung herauskommt, ist Cixin Liu zu einem Schwergewicht der Science-Fiction geworden. Der chinesische Autor versteht sich aber nicht nur auf komplexe Romane, sondern ist in seinem Bereich auch Meister der Kurzgeschichten. Das dokumentiert der nun erschienene Sammelband „Die wandernde Erde“.

Der mittlerweile mit Preisen wie dem renommierten Hugo Award (eigentlich: Science Fiction Achievement Award) überschüttete ehemalige Kraftwerksingenieur hatte in seiner Heimat den Durchbruch mit im chinesischen Magazin „Science Fiction World“ veröffentlichten Storys geschafft. In Geschichten mit klingenden Titeln wie „Durch die Erde zum Mond“, einer Verbeugung vor Jules Verne, oder „Die Versorgung der Menschheit“ verbindet Cixin Liu blühende Fantasie mit Logik sowie aktuelle Themen (wie Umweltzerstörung und Überbevölkerung) mit herrlich abstrusen, aber stets nachvollziehbaren Hirngespinsten und bringt eine wohldosierte Dosis Humor und Ironie ins Genre ein.

In der dem Sammelband ihren Titel gebende Geschichte „Die wandernde Erde“ wird unser Planet zum „Raumschiff“, das wegen der Zerstörung der Sonne in eine ferne Galaxie „reist“. Der vielversprechenden Einleitung des Erzählers - „Ich wurde gegen Ende der Bremsjahre geboren, als die Rotation der Erde zum Stillstand kam“ - folgt eine unterhaltsame Melange aus Physik, Action und Dystopie mit einem Schuss Melancholie. In „Gipfelstürmer“ bekommt man es mit Aliens aus der „Blasenwelt“ zu tun - diese haben ihre Evolution in einem Hohlraum eines Planeten vollzogen, stets im Glauben, das Universum bestehe aus unendlichem festen Gestein. In „Das Mikrozeitalter“ ist die Menschheit auf Mikro-Größe geschrumpft.

Cixin Liu beschränkt sich, und das zeichnet seine Kurzgeschichten in mitunter Novellen-Länge besonders aus, nicht nur auf die klassischen SF-Zutaten. In „Das Ende der Kreidezeit“ erzählt er ein alternatives Ende der Dinosaurier. In „Um Götter muss man sich kümmern“ stiftet eine riesige Schar an Göttern, die einst die Welt erschaffen haben, Unruhe: Sie, alle mit Bart und weißem Gewand, kehren mit Raumschiffen zurück und wollen ihren Ruhestand bei Pflegefamilien verbringen. Für seine Computer-Virus-Story „Fluch 5.0“ ließ sich Cixin Liu von Heinrich Heine inspirieren und baute sich selbst in die Handlung ein.

„Der westliche Leser darf sich bei der Lektüre chinesischer SF nicht nur auf eine Prise Exotik, sondern, was umso wichtiger ist, auf interessante Perspektivwechsel gefasst machen“, schreibt Nicolas Cheetham in einem Nachwort zum Sammelband. Das trifft auf sämtliche Storys von Cixin Liu zu: Er findet stets einen überraschenden Blickwinkel, verwendet erfrischende Zutaten und wartet mir verblüffenden Enden auf. „Die wandernde Erde“ bietet sich als Einstieg in die Welten des Autors an, die sich in der „Trisolaris“-Bestseller-Trilogie über Hunderte von Seiten in voller Pracht entfalten.

(S E R V I C E - Cixin Liu: „Die wandernde Erde“, aus dem Chinesischen von Marc Hermann, Johannes Fiederling und Karin Betz, Heyne Verlag, 688 Seiten, Klappenbroschur, 15,50 Euro)




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