Letztes Update am Do, 17.01.2019 06:04

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


James Blake ist zurück: „Assume Form“ findet Kraft in der Reduktion



Wien (APA) - Zuerst sind da mal fast 30 Minuten: So viel Unterschied liegt zwischen James Blakes neuestem Album „Assume Form“ und dem 2016er-Werk „The Colour in Anything“. Versuchte der britische Popsänger mit dem einprägsamen Timbre vor drei Jahren also noch, seine Zuhörer mit Quantität auf seine Seite zu ziehen, setzt er nun wieder auf Reduktion - und das besonders im Klang. Man muss zugeben: Es gelingt.

Wie schon der Vorgänger ohne große Vorankündigung erst vor wenigen Tagen offiziell bestätigt, erblickt das vierte Album des zwischen Pop und Electronic changierenden Wunderkinds am morgigen Freitag das Licht der Welt. Überraschungen, auf die alle Welt wartet, gehören im Musikbusiness mittlerweile ja zum guten Ton. Ob man das nun als eigenartig, zeitgemäß oder schlicht unbedeutend einordnet - kommt jemand wie Blake (30) mit solchen Songs um die Ecke, steht jedenfalls alles für einen Moment lang still und wird ein Ohr riskiert.

Bei „Assume Form“ stellt sich schnell heraus, dass diese Erwartungshaltung nicht nur gerechtfertigt ist, sondern in allen Belangen erfüllt wird. Einerseits hat Blake nach seinem üppigen Ausflug in experimentelle Gefilde nun wieder den Song im Fokus und knüpft etwa mit dem auf dezenten Pianoklängen sowie verschrobenen Sounds aufbauenden Titeltrack, der als Opener in diese knapp 48 Minuten dauernde Reise führt, wieder an seine Anfänge an. Er scheint insgesamt weniger dem selbst gesteckten Maximum entgegen zu streben. Nicht mehr besser, größer, eingängiger ist die Devise, sondern die Fokussierung auf das Wesentliche wurde zum neuen Leitfaden auserkoren.

Andererseits beweist er ein ausgezeichnetes Händchen für die richtigen Kollaborateure: So werden seine zarten Worte in „Mile High“ von Rapper Travis Scott begleitet. Wie auch das folgende „Tell Them“ wurde dieser Track von Metro Boomin produziert, und der US-Amerikaner bettet Blake in einen Klangkosmos, der sich zwar maßgeblich aus dem Hip-Hop speist, aber ebenso gut auf einer Massive-Attack-Platte ein Zuhause finden würde. Ein kleiner Hall hier, ein paar Handclaps dort - es sind meist simple Dinge, die große Effekte erzielen.

Ganz zu schweigen von den weiteren Stimmen: Neo-Soul-Sänger Moses Sumney harmoniert mit seinem Falsett wunderbar mit Blakes mal dunkel schwebendem, dann wieder sich ins ätherische Nichts verflüchtigenden Ausdruck. Das Duett „Barefoot In The Park“ mit der Spanierin Rosalia lässt ein kaltes Feuer lodern, und „Where‘s The Catch?“ mit Tausendsassa Andre 3000 (u.a. von der Hip-Hop-Gruppe Outkast) zerfällt fast in seine Einzelteile, bevor der minimalistische Beat doch noch Fahrt aufnimmt und man als Hörer tief in den Kaninchenbau geschickt wird, um sich in Wortkaskaden und Melodien zu verlieren.

Konventionell ist Blake immer noch nicht. Allerdings hat der in London geborene Musiker, der bereits vor acht Jahren mit seinem selbstbetitelten Debüt für Schlagzeilen sorgte, diesmal einen Zugang gefunden, der gleichermaßen nachvollziehbar wie fordernd ist. Wenn er in „I‘ll Come Too“ kurz nach kitschiger Unterhaltungsmusik klingt, ist das nun ebenso passend wie der lupenreine Pop von „Into The Red“, der sich gängigen Mechanismen dennoch erfolgreich in den Weg stellt. Musik für Streamingportale, Lieder für die Charts, ein kleines Entgegenkommen für die Plattenfirma? Hat er einfach nicht nötig.

Lieber kocht Blake weiterhin sein eigenes Süppchen, veröffentlicht die Platte im Unterschied zu vielen Kollegen (vorerst) nicht auf Vinyl, sondern nur als CD und Kassette sowie über die gängigen digitalen Plattformen. Als Anheizer haben ein paar Fährten in der Online-Welt ohnehin ausreichen müssen, bloß nicht zu viel des Guten. Auf „Assume Form“ liegt er mit dieser Herangehensweise zu 100 Prozent richtig.

(S E R V I C E - www.jamesblakemusic.com)




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