Letztes Update am Fr, 18.01.2019 08:03

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„The Favourite“: Barockes Machtdreieck im heutigen Gewand



Hollywood/Wien (APA) - Yorgos Lanthimos ist der vielleicht spannendste europäische Filmemacher seiner Generation, der mit Filmen wie „The Lobster“ oder „The Killing Of A Sacred Deer“ Meilensteine einer eigenen Filmsprache setzte. Mit „The Favourite“ legt der 45-jährige Grieche nun seinen ersten Historienfilm vor - konventioneller als seine früheren Werke, aber ebenso unterhaltsam. Ab Freitag im Kino.

Angesiedelt ist das auf wahren Begebenheiten beruhende „The Favourite“ beinahe ausschließlich am englischen Hof des frühen 18. Jahrhunderts. Es ist ein barockes Kammerspiel - auch wenn die Kammern hier entsprechend groß sind. Eine verwelkte, vor sich hin siechende Königin Anne (Olivia Coleman) regiert das Land, zumindest formal. Denn letztlich führt ihre Jugendfreundin Lady Sarah Marlborough (Rachel Weisz) aus dem Hintergrund nicht nur die Königin, sondern damit auch die Politik.

So befindet sich England inmitten des Spanischen Erbfolgekriegs mit Frankreich, was Sarah nach Kräften befördert, wobei sich Robert Harley als Vertreter der Landbesitzer als ihr Gegenspieler herauskristallisiert. Lange bleiben die Pläne der Herzogin von Marlborough aber ungestört, ist sie doch nicht nur Vertraute, sondern auch Geliebte der Königin.

Beide Positionen geraten allerdings ins Wanken, als am Hofe Sarahs verarmte Cousine Abigail (Emma Stone) ankommt. Diese arbeitet sich schnell von der einfachen Dienstmagd zur Aristokratin hoch und weiß geschickt, ihre Karten im Machtspiel mit der älteren Verwandten auszuspielen. Das Liebes- und Machtdreieck der drei Frauen spitzt sich zu.

Ungeachtet der voluminösen Ausstattung, die oft in barocker Ikonografietradition im Gegenlicht und stets leicht von unten gefilmt ist - Symbol der sozialen Abgrenzung wie auch zur Vermittlung eines Gefühls der dezidierten Beobachterperspektive -, ist „The Favourite“ beileibe kein Kostümschinken. Lanthimos schafft stattdessen die Bühne für echte Charakterköpfe, die in ihrem Streben nach Macht und der Bereitschaft zur nötigen Intrige dafür heutiger wirken, als so manchem lieb sein dürfte. Keine der drei Protagonistinnen ist grundlegend böse, sondern eine durchaus stimmig innerhalb der sozialen Gegebenheiten agierende Figur. Dass es sich um ein lesbisches Liebesdreieck handelt, spielt als Thematik keine Rolle. Dazu liegt der Fokus zu sehr auf den einzelnen Charakteren, die in ihrer Eigenheit doch beinahe naturalistisch gezeichnet sind.

Zu diesem Bestreben trägt nicht zuletzt das herausragende Ensemble bei. Rachel Weisz und Olivia Coleman standen beide bereits bei „Lobster“ für Lanthimos vor der Kamera und liefern erneut eine herausragende Leistung ab. Vor allem Coleman wurde in Venedig fraglos zu Recht mit dem Preis als beste Darstellerin für ihre Interpretation der larmoyanten, kranken Königin bedacht und gilt nun auch bei den anstehenden Oscars als Co-Favoritin. Einzig der amerikanischen Oscarpreisträgerin Emma Stone („La La Land“) nimmt man die britische Adelige dann doch nur bedingt ab.

Zugleich bricht Lanthimos die scheinbar-historische Authentizität immer wieder auch bewusst mit kleinen Nadelstichen, wenn er einen Tanz bei Hofe zur Ausdrucksperformance mutieren lässt, die barocke Musik von Vivaldi bis Händel mit Klängen von Olivier Messiaen konterkariert oder in der Sprache gezielt auf vulgären Jargon setzt. In seinem barocken „All About Eve“ setzt Lanthimos so bewusst auf eine Gegenläufigkeit zum vermeintlich gezierten höfischen Ambiente wie dies bereits Peter Greenaway wiederholt vorexerzierte.

Schließlich ist Lanthimos ein Meister der wechselnden Tonalitäten, der zwischen Humor und Tragik, Absurdität und Hyperrealismus im Sekundentakt oszillieren kann. Und doch wendet sich der Filmemacher von einer Charakteristik ab, die seine bisherigen Werke auszeichnete: „The Favourite“ entwirft keine eigene Welt, die dem Zuschauer dennoch als völlig selbstverständlich und natürlich präsentiert wird. Dies mag daran liegen, dass Lanthimos erstmals nicht am Drehbuch beteiligt war. Und so ist „The Favourite“ nicht Yorgos Lanthimos‘ herausragendster Film, aber einer der herausragenden Filme des Jahres.

(S E R V I C E - www.fox.de/the-favourite)




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