Letztes Update am Fr, 18.01.2019 11:12

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Internationale Pressestimmen zum Brexit



London/Brüssel (APA/dpa/AFP) - Die Zeitungen schreiben am Freitag zur verfahrenen Brexit-Situation:

„Pravda“ (Bratislava):

„Ein bekanntes Sprichwort empfiehlt uns: Hoffe auf das Beste, aber bereite dich auf das Schlimmste vor. (...) Doch die Brexit-Befürworter unter den britischen Politikern haben sich nicht nur nicht auf das Schlimmste vorbereitet. Wie sich immer mehr zeigt, haben sie sich auf überhaupt nichts vorbereitet. Und so hat Großbritannien jetzt eine Regierung, die von jenen, die sie noch über Wasser halten, in von vornherein aussichtslose Versuche gehetzt wird, mit Brüssel nochmals Dinge auszuhandeln, die Brüssel längst abgelehnt hat. Und alle anderen wollen die Regierung einfach nur abberufen und verjagen.

Die öffentliche Meinung hat sich geändert, aber ein neues Referendum bleibt weiterhin außerhalb der Überlegungen aller Tonangebenden der verschiedenen politischen Lager. Und was ist mit dem Sprichwort? Je weniger die britischen Politiker sich danach richten, desto mehr müssen dies die Politiker auf dem europäischen Kontinent tun. Ende März ist bald schon.“

„Hospodarske noviny“ (Prag):

„Das Vereinigte Königreich ist innerlich weit mehr zerstritten als der gesamte Kontinent zusammen. Großbritannien hat Nein gesagt, aber zu nichts Ja gesagt. Wir wissen, was die Wähler nicht wollen, aber wir wissen nicht, was sie wollen. Die Situation ähnelt der, wenn man einem Kind Grießbrei gibt und es diesen ablehnt. Man bringt dem Kind Kartoffelbrei und es sagt wieder Nein. Man gibt ihm Brot mit Schinken und es schüttelt nur mit dem Kopf. Das würde jede Mutter zur Erschöpfung bringen. Dazu muss man sagen, dass die EU, in der für 28 ‚Kinder‘ gekocht wird und jedes von ihnen Nein sagen kann, den schwierigen Prozess der Konsensfindung seit mehreren Generationen erfolgreich meistert. (...) Und das ohne Beschimpfungen, ohne Handelskriege, ohne Hass und vor allem ohne Krieg. Es klingt heutzutage zwar ein wenig kitschig, aber gerade dem Frieden haben wir den europäischen Wohlstand zu verdanken.“

„Frankfurter Allgemeine Zeitung“:

„In dieser wenig aussichtsreichen Lage tut May, wenn auch aus Verzweiflung, das einzig Richtige und geht auf die anderen Parteien zu. Unter denen haben bislang Labour und ihr Anführer Corbyn eine blamable Vorstellung gegeben, die der ‚Opposition Ihrer Majestät‘ unwürdig ist. Auch Labour ist sich nicht einig, wenn auch nicht so gespalten wie die Konservativen, auf denen das Augenmerk zumeist liegt. Die Führungsleistung Corbyns ist nicht dazu angetan, der Vorstellung, dieser Mann könne dereinst Premierminister sein, irgendetwas Positives abzugewinnen. Und so richten sich alle Blicke weiter auf Theresa May.“

„Süddeutsche Zeitung“:

„Das Brexit-Chaos greift handfest in das Leben vieler Menschen ein. Betroffen sind zuallererst etwa 3,6 Millionen EU-Bürger, die in Großbritannien leben, sowie etwa 1,2 Millionen Briten in EU-Ländern. Wie die Politik mit ihnen umspringt, ist beschämend. Es geht um die Bürgerrechte dieser Menschen. Wie steht es nach dem Brexit um ihre Aufenthaltserlaubnis, um die Arbeitserlaubnis? Haben sie Zugang zu Gesundheitssystem und Arbeitslosenversicherung? Was ist mit ihren Rentenansprüchen? Gilt der Führerschein noch? Können die fast 800000 Polen in Großbritannien sicher sein, dass sie nicht rausgeworfen werden? Gemäß dem nun vorerst gescheiterten Abkommen zwischen der EU und Großbritannien wäre zumindest in einer Übergangszeit alles beim Alten geblieben. Nun ist alles wieder offen.“

„24 Tschassa“ (Sofia):

„Die Dinge mit dem Austritt von Großbritannien aus der Europäischen Union laufen nicht gut. Es sollte etwas sehr Radikales geschehen, um eine funktionierende Lösung für den Brexit zu finden, damit sich das Land aus dem politischen Sumpf retten kann, in den es selber fiel. (...) Die Königin könnte sich einschalten, sollte es keine klare Parlamentsmehrheit darüber geben, welcher Weg eingeschlagen werden soll. Denn die Monarchin ist die einzige, die jemanden mit der Regierungsbildung beauftragen kann, sollte (Premierministerin Theresa) May auf die Macht verzichten und in dieser schwierigen Zeit keiner ihr Amt übernehmen können.“

„La Presse de la Manche“ (Cherbourg):

„Der Brexit betrifft uns alle. Die Region (am Ärmelkanal) ist in erster Linie betroffen, denn sie liegt direkt gegenüber von den britischen Inseln, die anscheinend aufs offene Meer hinaus wollen. Darauf muss man sich vorbereiten und sich verteidigen. Unsere Grenzen und unsere Wirtschaft werden von dem Bruch betroffen sein. Deshalb organisieren sich insbesondere die Fischerei- und Seefahrbranche, damit sie ihr Schicksal besser in die Hand nehmen können.“




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